Alexander

Opulent inszenierte, pathetisch verklärte Langeweile

Nach der Wiederbelebung des Sandalenfilms durch “Gladiator” und dem Erfolg von historisch-mythischen Epen wie “Troja” war man in Hollywood wohl der Meinung, dass es jetzt an der Zeit wäre, Oliver Stone genug Geld (160 Mio.) zu geben, damit er sich seinen lang gehegten Traum, das Leben einer der sagenhaftesten Figuren der Antike, Alexander des Grossen, zu verfilmen, verwirklichen konnte.

Herausgekommen ist ein Film epischer Proportionen, der versucht, das bewegte Leben Alexander des Grossen, von seiner Kindheit und seiner schwierigen Beziehung zu seinen ambitiösen Eltern, über seine Jugendjahre, während welcher sein Vater Philipp ermordet wird und er seine Herrschaftsansprüche mittels Gewalt durchsetzen muss, seinen gloriosen Sieg über eine persische Übermacht und seinen jahrelang dauernden Eroberungsfeldzug durch grosse Teile Asiens bis zu seinem frühen und mysteriösen Tod im Alter von 32 Jahren nach zu zeichnen.
Obwohl natürlich Abstriche gemacht werden müssen, hält sich der Film im grossen Ganzen an die überlieferten Ereignisse. Stone versucht auch, eine kritische Distanz zur Figur Alexanders zu schaffen, indem er die zeitgenössische Rezeption Alexanders gleich in den Film einbezieht. So beginnt denn der Film Jahre nach Alexanders Tod in Ägypten, wo Ptolemaios, ein Jugendfreund Alexanders nach dessen Tod zum Pharao geworden, seine Memoiren niederschreibt. Er rezitiert über die Grösse Alexanders, darüber, dass “seine Niederlagen immer noch über die Erfolge von andern Männern ragen würden”. Das Geschehen im Film wird einige Male unterbrochen, damit wir den Worten Ptolemaios (Anthony Hopkins) lauschen können. Leider bringt diese Rahmenhandlung überhaupt nichts, sondern wirkt nur schulmeisterlich, indem sie nochmals wiederholt, was durch den Film selbst schon hätte zum Ausdruck kommen sollen. Nicht nur der Schreiber ist gelangweilt, sondern auch die Zuschauer; schlussendlich lässt Ptolemaios das soeben diktierte vernichten, und man wünscht sich, das selbe Schicksal hätte die Rahmenhandlung ereilt.
Bei der Ausstattung wurden keine Kosten gescheut, um alles so detail getreu wie möglich erscheinen zu lassen. Das Resultat ist beeindruckend; die orientalischen Städte und Gewänder erstrahlen in einer so noch nie gesehenen Farbenpracht. Auch die Schlachtszenen sind äusserst aufwendig, leider erinnern sie ein bisschen zu sehr an “Gladiator” wo Ridley Scott einen schockartigen Schnitt für das Schlachtgemetzel angewendet hat, ums so das Wesen so einer Schlacht besser vermitteln zu können
Hätten die Verantwortlichen doch bloss eben so viel Sorgfalt auf das Drehbuch verwendet. Denn sobald einer der Darsteller den Mund aufmacht, kommt nur schwülstiges, hochtrabendes Geschwätz heraus; teilweise handelt es sich um Satzfetzen, wie wir sie schon in “Gladiator” und “Troja” gehört haben, so im Sinne “der Ruhm eines Helden lebt nach seinem Tode weiter”; das waren schon damals öde Platitüden, welche durch die x-te Wiederholung auch nicht besser werden.
Beinahe wünscht man sich die Zeiten des Stummfilms zurück…
Trotz wohlklingender Namen enttäuschen auch die Darsteller in diesem Film. Colin Farrell, in der Vergangenheit in Filmen wie Minority Report, Tigerland, etc. positiv in Erscheinung getreten, ist als Alexander meiner Meinung nach eine Fehlbesetzung; er vermag der Figur des Alexander keine emotionale Tiefe zu verleihen, er wirkt oft zerfahren, aufbrausend und in seinen Aktionen inkonsistent und wenig charismatisch. Angelina Jolie als Alexanders Mutter Olympias, die einem bizarren Schlangenkult huldigt, war der einzige Lichtblick in einer ansonsten eher enttäuschenden Schauspielerriege. Überzeugend mag sie die schwierige Position einer starken Frau in einer von Männern und dynastischem Machtstreben geprägten Gesellschaft zu verkörpern, die versucht, die Stellung ihres Sohnes zu stärken.
Grossen Wirbel hat im prüden Amerika auch die explizite Darstellung von Alexanders homoerotischer Beziehung zu seinem lebenslangen Freund, Hephaistion (Jared Leto), der auch einer seiner fähigsten Generäle war, verursacht. Dies sehe ich jedoch als eine der Stärken des Films an, widerspiegelt doch diese Beziehung zwischen den zwei Männern die griechische Normalität, wo solche Beziehungen ein Grundstein der Gesellschaft waren. Die Beziehung zu Männern war oftmals wichtiger und persönlicher als die zur Ehefrau, die man meist aus dynastischen Gründen heiratete, obwohl Alexanders Beziehung zu seiner Frau Roxane (Rosario Dawson) als sehr leidenschaftlich dargestellt wird. Es wäre jetzt aber falsch, Alexander als bisexuell im heutigen Sinne zu verstehen, in der Antike entsprach diese Lebensform dem Ideal (so nach zu lesen in Platons “Das Gastmahl), stellte also keine Abweichung der Norm dar. Auch die Szene, wo er (im Film leider etwas unmotiviert) den persischen Tänzer Bagoas öffentlich küsst, soll historisch überliefert sein.
Es war abzusehen, dass die filmische Umsetzung des faszinierenden Lebens Alexander des Grossen schwierig sein würde. Es hätte ein interessanter Film werden können, leider ist das Ganze aber zu konventionell, zu “Mainstream” angelegt, wobei der schlechte Dialog das seine dazu beiträgt; der Film mag nicht zu bewegen, sondern nur zu langweilen, und das 175 min. lang.

Originaltitel: Alexander (USA 2004)
Regie: Oliver Stone
Darsteller: Colin Farrell, Angelina Jolie, Val Kilmer, Anthony Hopkins, Rosario Dawson, Jared Leto
Dauer: 175 min.
CH-Verleih: Monopole Pathé Films AG