Königreich der Himmel

Scotts Parabel über Glauben und Toleranz

Nicht noch ein Sandalenfilm, mag sich so manch einer gedacht haben, nachdem die Ankündigung zu “The Crusaders” (so der Arbeitstitel), einem in der Zeit der Kreuzzüge spielenden Historienepos, bekannt wurde. Doch obwohl Scotts Film weitgehend ohne moralisierenden Zeigefinger auskommt, de-mythologisiert er nicht nur den “gerechten Glaubenskrieg”, sondern verweist  auch kritisch auf die gegenwärtige Situation in Nahost.

Ende des 12. Jahrhunderts, irgendwo in der französischen Provinz. Nachdem sein Kind gestorben ist und seine geliebte Frau aus Trauer darüber Selbstmord begangen hat, hat Balian nicht nur seine ganze Familie, sondern auch seinen Glauben an Gott verloren. Als ein Akt der Sühne entschliesst er sich, seinen biologischen Vater, Baron Godfrey von Ibelin, nach Jerusalem zu begleiten. Doch auch dort fühlt er sich Gott nicht näher, wird jedoch alsbald in die Machtkämpfe zwischen dem König von Jerusalem und den Tempelrittern verwickelt. Als Saladin die Christen bei Hattin vernichtend schlägt und dann auf Jerusalem zumarschiert, organisiert Balian die Bürger der heiligen Stadt und schafft es so, der Belagerung durch die Sarazenen standzuhalten und Saladin freies Geleit für alle Bürger abzuringen. Nach dem Fall von Jerusalem zieht Balian in seine alte Heimat zurück.

Visuell erinnert KoH an Gladiator, doch hatte damals Kameramann John Mathieson noch alles in gleisendes Licht getaucht, welches die Hitze des Sandes erahnen liess, wird die Welt in KoH in unterkühlten Blautönen auf Zelluloid gebannt, welche nicht nur den französischen Winter abweisend erscheinen lassen, sondern auch die Wüste in eine karge, feindliche Landschaft verwandeln. Auch die Schlachtszenen sind gewaltig, à la Gladiator, wirken aber gleichzeitig ein bisschen mechanisch und entfremdend. Die Dialoge sind im Grossen Ganzen nicht so von Pathos getränkt und werden von einigen ironischen Wortgefechten aufgelockert.

Die Leistungen der Darsteller sind beeindruckend; nach seinem Auftritt als rückgratloser Paris in “Troja” überzeugt Orlando Bloom als integrer und zurückhaltender Held, der auch nach seinem sozialen Aufstieg bescheiden und seinen Werten treu bleibt. Liam Neeson gibt den reuigen Vater und ritterlichen Krieger charmant. Jeremy Irons spielt die Rolle des desillusionierten Statthalters Tiberias und David Thewlis die des abgeklärten Hospitalers; ganz und gar unkenntlich ist Multitalent Ed Norton (als Balduin IV.)

Der Arbeitstitel des Films “The Crusaders” erinnerte wohl ein bisschen zu sehr an Bushs programmatischen “Kreuzzug gegen den Terror”, eine Wortwahl die eindeutig auf die mittelalterliche Kreuzzüge verweist und so die gegenwärtige US-Politik zu legitimieren versucht. Nicht zu Unrecht wurde diese Referenz von der Weltöffentlichkeit scharf kritisiert, denn Bushs Krieg hat genauso wenig mit Gerechtigkeit zu tun wie die Kreuzzüge damals. Obwohl den Kreuzzüglern wohl nicht jegliche religiöse Motivation abzusprechen ist, standen wahrscheinlich weltliche Überlegungen im Vordergrund. Nach mittelalterlichen Recht erbte jeweils der älteste Sohn alles, während die jüngeren Söhne leer ausgingen. Somit stellte für viele das Heilige Land eine Möglichkeit dar, zu eigenen Ländereien und Geld zu kommen und so seine Stellung zu verbessern. Scott betont dieses Element im Film mehrmals; nicht nur ist dies das Argument, mit welchem Godfrey seinen Sohn zu überzeugen versucht, ihn zu begleiten, sondern auch die porträtierten Kreuzritter lassen sich von politischem Machtstreben und dem Verlangen nach persönlicher Bereicherung leiten. Überhaupt werden Christen, vor allem die Vertreter der Kirche, im Film durchwegs negativ porträtiert. Der Dorfpriester weidet sich am Schmerz Balians über den Tod seiner Frau und quält ihn damit, dass ihr, da sie durch die eigene Hand gestorben ist,  der Zutritt zum Himmelreich für immer verwehrt sei. Auch der Bischof von Jerusalem wird als gar nicht christlich handelnder Feigling dargestellt, der, als er vom Anrücken von Saladins Heer hört, nur darauf bedacht ist, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen. Sein Rat, “zum Islam zu konvertieren und später zu bereuen”, ist zwar pragmatisch, aber nicht gerade glaubenskonform.
Die muslimischen Protagonisten werden jedoch, mit einer Ausnahme, durchwegs positiv porträtiert. Firuz verschont das Leben von Balian beim Angriff auf Chatillon de Reynalds Festung, wie auch Balian zuvor sein Leben verschont hatte. Nach dem Fall von Jerusalem gibt er dem nun mittellosen Balian auch sein Pferd zurück, und zwar mit einer Geste, die Balian erlaubt, sein Gesicht zu waren. Der oberste Heerführer der Sarazenen, Saladin, wird als besonnener und eigentlich friedliebender Fürst dargestellt, der nur widerwillig in den Krieg zieht und auch seinen Feinden gegenüber aufrichtig ist. Bezeichnenderweise verzichtet Scott darauf, zu zeigen, dass die christlichen Soldaten nach der Niederlage von Hattin von den Sarazenen historischen Quellen zufolge gefoltert wurden. Ausserdem soll Saladin für jeden Christen, den er aus Jerusalem ziehen liess, einen gewissen Geldbetrag verlangt haben.

Scott gelingt es, ein sehr differenziertes Bild von den Kreuzzügen und den daraus resultierenden kulturellen Berührungen zu zeichnen. Der Bezug zum ungelösten Nahost-Konflikt wird nicht nur explizit durch den Verweis am Schluss hergestellt, sondern die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Religionen wird auch während des Films mehrmals thematisiert, z.B. in Balians Rede an alle Bürger zur Verteidigung der Stadt Jerusalem. Die Formel “es waren ja unsere Vorfahren, die euch das Land weggenommen haben, wir hatten damit nichts zu tun, warum bekriegen wir uns also noch” erscheint jedoch reichlich naiv.

Am Schluss erteilt Scott dem Kreuzzugsgedanken eine definitive Absage; nachdem Balian wieder in sein Dorf zurück gekehrt ist, kommt Richard Löwenherz (er war einer der Führer des 3. Kreuzzuges zur Befreiung Jerusalems) vorbei und fragt nach dem Verteidiger von Jerusalem; doch Balian sagt selbst, als der König insistiert, ob er denn nicht wisse, wo der Baron von Ibelin zu finden sei, “ich bin nur der Schmied”.

Die Probleme in Nahost mag dieser Film nicht zu lösen; er ist jedoch ein Plädoyer für Toleranz gegenüber Andersgläubigen wie auch dafür, eine Person nicht nach ihrem Glauben, sondern nach ihren Taten zu beurteilen. Fazit: In der Reihe der “neuen” historisch-mythischen Epen (eingeläutet durch “Gladiator”) sicher nicht der spektakulärste Film, aber dafür der mit am meisten Tiefgang.

Originaltitel: Kingdom of Heaven(USA, Marokko 2005)
Regie: Ridley Scott
Darsteller: Orlando Bloom, Eva Green, Liam Neeson, Jeremy Irons, Ghassan Massoud, Brendan Gleeson, Marton Csokas, David Thewlis, Edward Norton
Dauer: 144 min.

Troja (Troy)

Oder was sucht ein desillusionierter, post-moderner Antiheld in einem griechischen Epos?

Nach der erfolgreichen Wiederbelebung des Sandalenfilms durch Ridley Scotts Gladiator, dürfen sich nun Fans dieses schon totgeglaubten Genres auf eine wahre Flut von Kinofilmen freuen, wo sich muskelbepackte Helden heroische Schlachten in epischer Länge liefern. Bevor im Herbst zwei Filme über Alexander den Grossen (von Oliver Stone und Baz Luhrmann) und ein Film über die Kreuzzüge (Ridley Scott) in die Kinos kommen, bildet Wolfgang Petersens Troja in diesem Frühling den Auftakt.

Wie der Titel unschwer erkennen lässt, erzählt der Film die Geschichte des griechisch-trojanischen Krieges, wie in Homers klassischem Versepos Illias beschrieben. Eigentlich beginnt die Geschichte des trojanischen Krieges mit dem Urteil des Paris. Die drei Göttinnen Hera, Athena und Aphrodite streiten sich, wer denn von ihnen die Schönste sei. Um den Streit zu entscheiden, wenden sich die Göttinnen an Paris, mit allerlei Versprechen, was ihm zuteil werden solle, falls er sie wählen würde. Aphrodite verspricht ihm, dass die schönste Frau der Welt in Liebe zu ihm entbrennen würde und so überreichte Paris den Apfel der Zwietracht ihr. Einige Zeit später begegnet Paris denn auch der schönen Helena und entführt sie (allerdings im Original in Abwesenheit ihres Gatten), was die Griechen allerdings nicht auf sich sitzen lassen können.

Der Drehbuchautor (David Benioff) hat sich gegenüber der Vorlage ziemliche Freiheiten genommen, was ja prinzipiell dem Film nicht unbedingt abträglich sein muss, was aber bei Troja zu einigen grundlegenden Schwächen geführt hat. Nicht nur ist in Homers Welt das Leben der Menschen unausweichlich vom Schicksal vorbestimmt, sondern die Götter mischen sich auch des öfteren unter die gewöhnlichen Sterblichen. Petersen sagt, dass es ihm darum ging, einen “realistischen” Film machen, der die damalige Zeit möglichst “authentisch” abbildet. Um diesen “Realitätseffekt” zu erreichen, hat er jegliches Auftreten der Götter aus der Geschichte gestrichen. Die Götter fungieren nur noch als heidnische Götzenbilder, quasi als Teil der Ausstattung. Dies wirft jedoch ein massives Problem auf, da die Götter in der Vorlage an jeder Entscheidung und an jeder Aktion massgeblich beteiligt sind. Fallen die Vorsehung und die Götter nun als Handlungsträger weg, so muss man überlegen, wie den Entscheidungen und Handlungen sonst motiviert sind. Und genau an dieser Stelle kränkelt der Film. Ohne diesen Hintergrund sind einige Geschehnisse im Film nur schwer nachvollziehbar.  Der Auslöser des Feldzuges gegen Troja ist der Raub der Helena; leider ist es überhaupt nicht gelungen, die leidenschaftliche Liebe zwischen Paris und Helena zu beschwören, vielmehr wirkt das Verhältnis zwischen den beiden lau und uninspiriert. Orlando Bloom hat eigenen Worten zufolge versucht, den Paris als poetischen, feinfühligen Liebhaber darzustellen, statt dessen kommt er als egoistischer Waschlappen rüber, der aus einer Laune heraus bereit ist, sein ganzes Land in den Krieg zu stürzen. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, was Helena in ihm sieht. Auch beim ersten Auftritt von Achilles wird überhaupt nicht klar, aus welchen Gründen er sich überhaupt bequemt, auf dem Schlachtfeld zu erscheinen.

Doch hat der Film auch einige Stärken, unter anderem eine glänzend aufspielende Schauspieler-Riege. Brian Cox mimt den raffgierigen mykenischen König Agamemnon, dem jeder Vorwand recht ist, sich Troja unter den Nagel zu reissen und Sean Bean gibt in einer Nebenrolle den Odysseus als besonnenen und schlauen Taktiker.

Der Film lebt hauptsächlich von der unglaublichen Präsenz, die Brad Pitt als Achilles entwickelt. Achilles ist nicht als unverletzlicher Halbgott angelegt, sondern als zynischer, und dank seiner militärischen Fähigkeiten unbezwingbarer Söldner, der nichts fürchtet, ausser dass sein Name mit ihm sterben könnte. Aus diesem Grund ist er auch bereit, am Kriegszug gegen Troja teilzunehmen, obwohl er für den Heerführer, Agamemnon, nichts als Verachtung übrig hat. Sein Gegenspieler auf trojanischer Seite ist Prinz Hektor (solid Eric Bana), Bruder des Paris und Sohn des Priamus. Hektor ist ein Schlacht erprobter Kämpfer, rechtschaffen, mitfühlend, besonnen, und mutig zugleich während Achilles jähzornig, aufbrausend, unbeherrscht, gleichgültig und auf Ruhm aus ist. Während Petersen keine Kosten gescheut hat, um pompöse Schlachtgetümmel auf die Leinwand zu bannen, so ist es die Auseinandersetzung zwischen diesen zwei so unterschiedlichen Männern, die schlussendlich in einem Zweikampf ihren Höhepunkt findet, welche dem Film eine gewisse Spannung verleiht. Während der Belagerung von Troja läutert sich unser Antiheld; bei einem Scharmützel erbeuten Achilles Männer Briseis, eine Tempeldienerin und Cousine von Hektor; sie schliesslich vermag das Herz des Achilles zu erweichen und seine Fassade der Gleichgültigkeit  zu durchbrechen, was ihm schlussendlich zum Verhängnis wird.

Obwohl bei der Nachbildung der Rüstungen, Kostüme, Waffen und der Nachstellung der Schlachtszenen grösster Wert auf Detailtreue gelegt wurde, so bleibt der Film (vielleicht absichtlich) ganz in unserer Zeit verhaftet. Die Mentalität und Haltungen, die er widerspiegelt, basieren auf einer modernen Weltanschauung. Dies ermöglicht auch einen durch und durch atheistischen (Anti-)Helden, der sich keinen Wertvorstellungen verpflichtet fühlt, der aber trotzdem nach einer Art individuellem Ehrenkodex lebt.

Obwohl der Film mit der Illias von Homer nicht so viel zu tun hat, ist er durchaus sehenswert, und die weiblichen Fans werden sich am durchtrainierten Körper von Brad Pitt erfreuen können; wobei auch Gerüchte, das Pitt ein Oberschenkel-Double hatte, dem visuellen Genuss keinen Abbruch tun dürften.

“Troja” (Action, Abenteuer, Drama) Regie: Wolfgang Petersen (USA, 2004)
mit: Brad Pitt, Eric Bana, Orlando Bloom, Diane Kruger, Brian Cox, Sean Bean, Brendan Gleeson, Peter O’Toole

Dauer: 163min
Verleih: Warner Bros. Pictures

Web: http://www.warnerbros.de/movies/troy/