Troja (Troy)

Oder was sucht ein desillusionierter, post-moderner Antiheld in einem griechischen Epos?

Nach der erfolgreichen Wiederbelebung des Sandalenfilms durch Ridley Scotts Gladiator, dürfen sich nun Fans dieses schon totgeglaubten Genres auf eine wahre Flut von Kinofilmen freuen, wo sich muskelbepackte Helden heroische Schlachten in epischer Länge liefern. Bevor im Herbst zwei Filme über Alexander den Grossen (von Oliver Stone und Baz Luhrmann) und ein Film über die Kreuzzüge (Ridley Scott) in die Kinos kommen, bildet Wolfgang Petersens Troja in diesem Frühling den Auftakt.

Wie der Titel unschwer erkennen lässt, erzählt der Film die Geschichte des griechisch-trojanischen Krieges, wie in Homers klassischem Versepos Illias beschrieben. Eigentlich beginnt die Geschichte des trojanischen Krieges mit dem Urteil des Paris. Die drei Göttinnen Hera, Athena und Aphrodite streiten sich, wer denn von ihnen die Schönste sei. Um den Streit zu entscheiden, wenden sich die Göttinnen an Paris, mit allerlei Versprechen, was ihm zuteil werden solle, falls er sie wählen würde. Aphrodite verspricht ihm, dass die schönste Frau der Welt in Liebe zu ihm entbrennen würde und so überreichte Paris den Apfel der Zwietracht ihr. Einige Zeit später begegnet Paris denn auch der schönen Helena und entführt sie (allerdings im Original in Abwesenheit ihres Gatten), was die Griechen allerdings nicht auf sich sitzen lassen können.

Der Drehbuchautor (David Benioff) hat sich gegenüber der Vorlage ziemliche Freiheiten genommen, was ja prinzipiell dem Film nicht unbedingt abträglich sein muss, was aber bei Troja zu einigen grundlegenden Schwächen geführt hat. Nicht nur ist in Homers Welt das Leben der Menschen unausweichlich vom Schicksal vorbestimmt, sondern die Götter mischen sich auch des öfteren unter die gewöhnlichen Sterblichen. Petersen sagt, dass es ihm darum ging, einen “realistischen” Film machen, der die damalige Zeit möglichst “authentisch” abbildet. Um diesen “Realitätseffekt” zu erreichen, hat er jegliches Auftreten der Götter aus der Geschichte gestrichen. Die Götter fungieren nur noch als heidnische Götzenbilder, quasi als Teil der Ausstattung. Dies wirft jedoch ein massives Problem auf, da die Götter in der Vorlage an jeder Entscheidung und an jeder Aktion massgeblich beteiligt sind. Fallen die Vorsehung und die Götter nun als Handlungsträger weg, so muss man überlegen, wie den Entscheidungen und Handlungen sonst motiviert sind. Und genau an dieser Stelle kränkelt der Film. Ohne diesen Hintergrund sind einige Geschehnisse im Film nur schwer nachvollziehbar.  Der Auslöser des Feldzuges gegen Troja ist der Raub der Helena; leider ist es überhaupt nicht gelungen, die leidenschaftliche Liebe zwischen Paris und Helena zu beschwören, vielmehr wirkt das Verhältnis zwischen den beiden lau und uninspiriert. Orlando Bloom hat eigenen Worten zufolge versucht, den Paris als poetischen, feinfühligen Liebhaber darzustellen, statt dessen kommt er als egoistischer Waschlappen rüber, der aus einer Laune heraus bereit ist, sein ganzes Land in den Krieg zu stürzen. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, was Helena in ihm sieht. Auch beim ersten Auftritt von Achilles wird überhaupt nicht klar, aus welchen Gründen er sich überhaupt bequemt, auf dem Schlachtfeld zu erscheinen.

Doch hat der Film auch einige Stärken, unter anderem eine glänzend aufspielende Schauspieler-Riege. Brian Cox mimt den raffgierigen mykenischen König Agamemnon, dem jeder Vorwand recht ist, sich Troja unter den Nagel zu reissen und Sean Bean gibt in einer Nebenrolle den Odysseus als besonnenen und schlauen Taktiker.

Der Film lebt hauptsächlich von der unglaublichen Präsenz, die Brad Pitt als Achilles entwickelt. Achilles ist nicht als unverletzlicher Halbgott angelegt, sondern als zynischer, und dank seiner militärischen Fähigkeiten unbezwingbarer Söldner, der nichts fürchtet, ausser dass sein Name mit ihm sterben könnte. Aus diesem Grund ist er auch bereit, am Kriegszug gegen Troja teilzunehmen, obwohl er für den Heerführer, Agamemnon, nichts als Verachtung übrig hat. Sein Gegenspieler auf trojanischer Seite ist Prinz Hektor (solid Eric Bana), Bruder des Paris und Sohn des Priamus. Hektor ist ein Schlacht erprobter Kämpfer, rechtschaffen, mitfühlend, besonnen, und mutig zugleich während Achilles jähzornig, aufbrausend, unbeherrscht, gleichgültig und auf Ruhm aus ist. Während Petersen keine Kosten gescheut hat, um pompöse Schlachtgetümmel auf die Leinwand zu bannen, so ist es die Auseinandersetzung zwischen diesen zwei so unterschiedlichen Männern, die schlussendlich in einem Zweikampf ihren Höhepunkt findet, welche dem Film eine gewisse Spannung verleiht. Während der Belagerung von Troja läutert sich unser Antiheld; bei einem Scharmützel erbeuten Achilles Männer Briseis, eine Tempeldienerin und Cousine von Hektor; sie schliesslich vermag das Herz des Achilles zu erweichen und seine Fassade der Gleichgültigkeit  zu durchbrechen, was ihm schlussendlich zum Verhängnis wird.

Obwohl bei der Nachbildung der Rüstungen, Kostüme, Waffen und der Nachstellung der Schlachtszenen grösster Wert auf Detailtreue gelegt wurde, so bleibt der Film (vielleicht absichtlich) ganz in unserer Zeit verhaftet. Die Mentalität und Haltungen, die er widerspiegelt, basieren auf einer modernen Weltanschauung. Dies ermöglicht auch einen durch und durch atheistischen (Anti-)Helden, der sich keinen Wertvorstellungen verpflichtet fühlt, der aber trotzdem nach einer Art individuellem Ehrenkodex lebt.

Obwohl der Film mit der Illias von Homer nicht so viel zu tun hat, ist er durchaus sehenswert, und die weiblichen Fans werden sich am durchtrainierten Körper von Brad Pitt erfreuen können; wobei auch Gerüchte, das Pitt ein Oberschenkel-Double hatte, dem visuellen Genuss keinen Abbruch tun dürften.

“Troja” (Action, Abenteuer, Drama) Regie: Wolfgang Petersen (USA, 2004)
mit: Brad Pitt, Eric Bana, Orlando Bloom, Diane Kruger, Brian Cox, Sean Bean, Brendan Gleeson, Peter O’Toole

Dauer: 163min
Verleih: Warner Bros. Pictures

Web: http://www.warnerbros.de/movies/troy/