Avatar – Aufbruch nach Pandora

Trotz einiger Bedenken habe ich mich breit schlagen lassen, das neueste Werk vom “King of the World” (James Cameron) anschauen zu gehen; zum Glück in 3D (für diesen Film ein absolutes Muss), denn die Special Effects und die Fantasy-Welt von Pandora sind atemberaubend.

SYNOPSIS
Der Plot ist so simpel wie altbekannt: die Erdbewohner haben auf dem fernen Planeten Pandora ein extrem wertvolles Mineral (Unobtanium, ein Wortspiel auf unobtainable = unerreichbar) entdeckt, nur haben leider die Ureinwohner ausgerechnet auf dem Hauptvorkommen ihren Lebensmittelpunkt in Form eines gigantischen Baumes. Um ans Erz ranzukommen, muss also das indigene humanoide Volk der Na’vi dazu bewegt werden, umzusiedeln. Um mehr über die Na’vi und ihre Schwächen zu lernen, wurden aus einer Mischung von menschlicher und Na’vi DNA Avatars gezüchtet, die aussehen, wie die einheimische Bevölkerung. Der ehemalige paraplegische Marine Jake Sully (beeindruckent charismatisch Sam Worthington) wird aufgrund der Kompabilität seiner DNA auserkoren einen der Avatare zu “lenken”, da sein Zwillingsbruder, der eigentlich dafür vorgesehen war, bei einem Raubüberfall ums Leben kommt. Die Leiterin des Avatar-Programms, die Biologin Dr. Grace Augustine (Sigourney Weaver) ist gar nicht davon angetan, dass ihr ausgerechnet ein dumber Soldat ohne Kenntnisse der Sprache und Gebräuche der Na’vi aufs Auge gedrückt wird. Doch Jake lässt sich davon nicht beirren und ist zu sehr angetan davon, dass er in Form seines Avatars wieder laufen kann. Im Laufe eines Erkundungsausfluges wird er von seinem Team getrennt und gerät in der unwirtlichen Natur in Bedrängnis. Es kommt wie es kommen muss; er wird von der Tochter des Stammesführers, Neytiri (Zoe Saldana) gerettet. Mit seinen kämpferischen Qualitäten gewinnt er den Respekt der Männer und mit seiner naiven Unbekümmertheit das Herz der “Prinzessin”. Während er die Sprache und Gebräuche der Na’vi studiert, wird er von Colonel Miles Quaritch (Stephen Lang), dem Sicherheitschef auf Pandora, als Militär-Spion verpflichtet, im Gegenzug will der Colonel dafür sorgen, dass ihm die Operation finzanziert wird, so dass er wieder laufen kann. Nachdem der “Heimatbaum” der Na’vi bei einem brutalen Angriff zerstört wird und Jake zugibt, als Informant für das Militär gearbeitet zu haben, wenden sich die Na’vi von ihm ab. Jake erkennt, dass sein “wirkliches” Leben bei den Na’vi ist; seine Wahrnehmung was Traum und was Wirklichkeit ist, hat sich verschoben. Um die Na’vi zu einen, zähmt er in einem halsbrecherischen Manöver den mythischen Raubvogel “Toruk” und kann so die indigenen Völker hinter sich vereinen. Vor dem grossen Entscheidungskampf fleht Jake Eywa um Hilfe an, aber Neytiri meint, “Mutter Natur” sei unparteiisch. Es kommt zur “Luftschlacht” um Pandora, die von den Na’vi gewonnen wird. In der Endsequenz entscheidet sich Jake dazu, sein Bewusstsein von seinem menschlichen Selbst permanent auf sein Avatar zu übertragen.

DARSTELLER
Sam Worthington: der charismatische Australier überzeugt sowohl als Jake Sully, wie auch als Avatar. Er strahlt eine ungeheure Leinwandpräsenz aus, mit der er schon in Terminator Salvation als Marcus Wright Hauptdarsteller Christian Bale an die Wand gespielt hat
Sigourney Weaver: cool, mit roten Haaren ist Dr. Grace Augustine eine Mischung aus Ellen Ripley (Aliens-Reihe) und Diane Fossey (Gorillas in the Mist)
Stephen Lang: Colonel Miles Quaritch wirkt überzeichnet; er ist noch psychopathischer als Michael Biehn als Lt. Hiram Coffey in Abyss und noch schwerer tot zu kriegen als H. R. Gigers auserirdisches Monster
Zoe Saldana: schwierig zu beurteilen, welcher Anteil der Figur auf ihre Darstellung zurück zu führen ist, da sie im Film nur als Avatar vorkommt
Giovanni Ribisi: trotz relativ kleiner Rolle vermag Ribisi der von Zweifeln geplagten Figur des Parker Selfridge (als Galionsfigur des Schürf-Konsortiums RDA) Menschlichkeit einzuhauchen
Michelle Rodriguez: hätte sie fast nicht wieder erkannt als Militärpilotin Trudy Chacon; blass

INTERTEXTUALITÄT
Jeder Zuschauer nimmt auf Grund seines sozio-kulturellen Hintergrundes Referenzen und Anspielungen auf andere kulturelle Texte (“Texte” umfassen hier im Sinne von Derrida nebst schriftlichen auch bildliche, filmische und andere Werke) unterschiedlich wahr. Wahrscheinlich ist es gar nicht möglich, alle intertextuellen Referenzen zu benennen, zudem diese teilweise auch sehr subjektiv sind. Camerons Avatar ist gespickt mit solchen Verweisen und ich möchte hier nur einige benennen, die mir persönlich aufgefallen sind.
Beim ersten Briefing, nachdem die neuen Soldaten und Wissenschaftler, unter ihnen Jake Sully, auf Pandora eingetroffen sind, begrüsst Sicherheitschef Colonel Quaritch die Neulinge mit den Worten “You are not in Kansas anymore”. Diesen Satz sagt Dorothy nachdem sie nach einem Tornado in einem magischen Land erwacht zu ihrem Hund Toto; nicht von ungefähr gilt The Wizard of Oz als der erste Fantasy-Film überhaupt. James Camerion sagt zwar, dass es sich bei Avatar um ein “Original-Script” handelt, wobei er einen ersten Entwurf schon vor über 15 Jahren geschrieben hatte, aber die Filmtechnik sei bisher noch nicht so weit gewesen, den Film verwirklichen zu können. Obwohl die Geschichte nicht explizit auf einem Roman oder Comic basiert, sind doch viele mythische, literarische und und filmische Einflüsse erkennbar. Die Geschichte vom weissen Abenteurer, der von der einheimischen Prinzessin gerettet wird und von ihr die Sprache und Bräuche lernt, mahnt stark an Pocahontas, die auch als Mittlerin zwischen ihrem Volk (Virginia-Algonkin) und den Kolonisten fungierte. Auch weitere Details, wie die Verbundenheit aller Dinge untereinander, sowie die schamanistische Kultur/Religion der Na’vi sind am Vorbild der Ureinwohner Amerikas angelehnt. Dazu gehört dann auch der Initiationsritus junger Krieger über eine Mutprobe.
Als fleissige Web-Nutzer sind wir fast täglich mit einem Avatar unterwegs, sei es in Foren oder in Virtual Reality Games wie Second Life oder WoW. Laut Wikipedia ist ein Avatar “eine künstliche Person oder ein grafischer Stellvertreter einer echten Person in der virtuellen Welt”. Die Idee von zwei parallelen Welten, einer realen und einer virtuellen wurde ja schon von den Wachowski-Brüdern in der Matrix-Trilogie ausgelotet, wobei auch dort die Grenzen zwischen “real” und “virtuell” verwischt werden.
In der “Zähmung” des Toruk erkenne ich eine Grundstruktur von slavischen (und ungarischen) Märchen, wo der Held den “Feuervogel” bezwingen muss, um die Gunst der Prinzessin zu erlangen, oder im Fall von Jake, “wiederzuerlangen”. Die Reittiere der Na’vi, die “Direhorses” erinnern mich mit ihren zwei Paar Vordergliedmassen an Odins mythologische Streitross “Sleipnir” (welches natürlich charakteristischerweise 8 Beine hat).
Auch die “Kampfroboter” haben wir in ähnlicher Art schon gesehen, und zwar einerseits in der originalen Star Wars Trilogie von George Lucas und andererseits als Laderoboter, mit welchem Ellen Ripley in der Schlussszene von Aliens (ebenfalls von James Cameron) das Monster bezwingt. Überhaupt scheint sich Cameron gern selber zu zitieren, so z.B. in der Szene, wo Grace Alexander nach der Trennung von ihrem Avatar aus der Schlafkapsel aufsteht und sofort nach einer Zigarette verlangt; in Aliens gibt es eine wunderbare Sequenz, in der wir eine Nahaufname von Ripleys Hand sehen, in der sie eine Zigarette hält, kurz nachdem sie aus ihrem Kälteschlaf erwacht ist…

KRITIK
Auf einer intellektuellen Ebene stehe ich diesem Film sehr zwiespältig gegenüber; einerseits finde ich ihn ein tolles Fantasyspektakel mit atemberaubenden Naturaufnahmen und spektakulären Special Effects, wobei die Grenzen zwischen “realen” Aufnahmen und visuellen Effekten so gekonnt verwischt werden, das wir uns in eine andere Welt versetzt fühlen, die uns aber vom ersten Augenblick an gefangen nimmt.
Viele Kritiker haben dem Film Öko-Propaganda der plumpen Art vorgeworfen; es ist bestimmt nicht verkehrt, einen Film dazu zu nutzen, auf die ökologischen Probleme auf unserer Welt aufmerksam zu machen. Doch ist das ein vielschichtiges Problem, welches in Avatar leider viel zu eindimensional daher kommt. So ist wird alles, was irgendwie mit Natur zu tun hat, mit positiven Eigenschaften versehen und alles, was mit Technik oder Maschinen zu tun hat, wird verteufelt. Selbstverständlich besiegen die indogenen Na’vi mit Hilfe ihrer mythischen Flugtiere das modernste, was menschliche Technik zu bieten hat. Ein Wunschtraum, hat uns doch die Geschichte gelehrt, dass in der Vergangenheit der Vorteil meist bei der technisch überlegenen “Nation” lag. Es liegt auch eine gewisse Ironie darin, dass dieser als “Öko-Märchen” verkleidete Film nur mithilfe modernster CGI-Technik realisierbar war und all die wunderschönen Landschaften und Fabelwesen beinahe komplett am Computer generiert wurden.
Nicht nur aufgrund der offensichtlichen Pocahontas-Parallele erscheint das Volk der Na’vi wie eine Schablone für die Urbevölkerung Amerikas; Cameron bedient von vorne bis hinten alle gängigen Stereotypen der Indianer, von gefährlichen Initiationsriten, einer schamanistischen, naturverbundenen Religion bis hin zum edlen Wilden. Aus kultur-kritischer Perspektive kommt so eine reduktive Darstellung sehr neo-imperialistisch daher. Schade, denn ein differenzierter Umgang mit dem schwierigen Thema vom Aufeinander Treffen von indigener Bevölkerung und (amerikanischen) Kolonisten und dem Raubbau an natürlichen Ressourcen hätte dem Film sicher nicht geschadet. Die Kolonisten sind zwar fürs erste zurück gedrängt, aber es ist eigentlich klar, dass sie zurück kommen werden; der Terminator lässt grüssen.

Originaltitel: Avatar (USA 2009)
Buch und Regie: James Cameron
Darsteller: Sam Worthington, Zoe Saldana, Stephen Lang, Sigourney Weaver, Giovanni Ribisi, Michelle Rodriguez
Dauer: 162 min.

Kill Bill Vol. 2

LEICHEN PFLASTERN IHREN WEG

Wie am Schluss von Kill Bill Vol.1 schon abzusehen war, setzt die Braut im zweiten Teil ihren Rachefeldzug gegen ihre ehemaligen Weggefährten Budd Sidewinder (Michael Madsen) und Elle Driver (Daryl Hannah) fort bevor es schliesslich zum grossen Showdown mit Bill kommt.

Teil 2 ist formal ähnlich und doch auch ganz anders als Teil 1. Gleich ist zum Beispiel die Unterteilung in Kapitel, welche nur lose zusammen hängen und dem Film so einen vignettenhaften Charakter verleihen. Auch die Chronologie ist wieder gehörig durchgerüttelt, steigen wir doch bei jener Szene ein, als sich die Braut bereits auf dem Weg zu Bill befindet. Im Verlauf des Films erfahren wir dann, wie es zum Massaker in der Kirche kam und auch welches Schicksal Budd und Elle ereilt.
Dazwischen gestreut sind Szenen, welche die Beziehung zwischen Bill und der Braut schildern, sowie ihr Martial Arts Training bei Pei Mei.

War Teil 1 eine Hommage an den Eastern, so ist Teil 2 eine Verbeugung vor dem Klassischen wie dem Spaghetti Western, ein Grossteil der Szenen ist vor dem Hintergrund einer weiten, staubigen Wüstenlandschaft gefilmt. In einer Szene läuft im Fernseher im Hintergrund gar ein Western. Daneben spielt Tarantino gekonnt mit Filmzitaten aus so unterschiedlichen Genres wie Film Noir und Vampir-/Zombiefilme.

Die Schauspieler laufen zu Glanzleistungen auf. Uma Thurman vereint in ihrer Figur glaubhaft die eiskalte, unaufhaltsame Tötungsmaschine und die liebende und fürsorgliche Mutter. Madsen gibt den ehemaligen professionellen Killer, der ein Dasein als Bouncer in einem viertklassigen Stripclub fristet und in einem heruntergekommenen Wohnwagen wohnt, der aber trotzdem seine Killerinstinkte noch nicht ganz verloren hat. Elle Driver ist die ambitionierte und kalt berechnende Ränkeschmiedin, die schlussendlich ihr gerechtes Schicksal ereilt. Aussergewöhnlich auch David Carradine als Bill, der einerseits unbarmherziger Anführer der Killerbrigade und andererseits vorbildlicher und liebender Vater ist. War er in Teil 1 noch eine gänzlich böse Figur, so wird sein Verhalten im zweiten Teil wenigstens ansatzweise verständlich; da er ein bisschen  zur Eifersucht neigt, hat er, als er herausfand, dass seine Freundin, die er eigentlich für tot hielt, im Begriff war, einen andern zu heiraten, eine Spur überreagiert.
Carradines Performance ist ausserdem auch eine Parodie seiner Darstellung des Caine (des stoischen Helden aus der Kult-Serie Kung Fu), wo er die Weisheiten, die er jeweils von sich gab, auch schon mit fernöstlichen Flötentönen untermalte. Tarantino charakterisiert seine Figuren mit sicherer Hand, und obwohl eigentlich alle seine Figuren böse sind, fällt es einem schwer, sich ihrem Charisma zu entziehen.

Vol.2 ist gemächlicher und melancholischer als der erste Teil und enthält auch einige typische, teilweise abstruse aber darum nicht weniger witzige Dialogsequenzen.
Die Gewaltszenen sind im Vergleich zum ersten Teil reduziert, wirken aber gerade dadurch viel intensiver. Starben im grossen Kampf zwischen O-Ren Ishii und der Braut die Leibwächter noch dutzendweise und spritzte das Blut literweise, sehen wir hier “nur” drei Figuren sterben. Die Gewalt ist aber viel persönlicher und unmittelbarer und der Zuschauer wird gekonnt dazu gebracht, die schlimmsten Momente quasi körperlich mitzufühlen.
Tarantino zelebriert einerseits Gewalt, gleichzeitig kann aber seine schon fast ins symbolhafte übersteigerte Darstellung von Gewalt als Kritik am herkömmlichen Hollywood-Kino gelesen werden, wo Gewaltdarstellungen schon längst so alltäglich geworden sind, dass sie kaum mehr einen Zuschauer zu berühren vermögen.
Tarantinos Film hingegen vermag zu berühren, nicht nur durch rohe Gewalt, sondern auch durch langsame und berührende Momente, vor allem die wunderschönen Szenen zwischen Bill und seiner Braut. Obwohl das Ende so kommt, wie es in einem Tarantino Film kommen muss, möchte man sich beinahe wünschen, dass diese Liebesgeschichte anders ausgegangen wäre…

“Kill Bill Vol. 2″ (Action) Buch und Regie: Quentin Tarantino (USA, 2004)
mit: Uma Thurman, David Carradine, Michael Madsen, Daryl Hannah, Gordon Liu, Michael Parks

Kill Bill Vol. 1

Teil 1 von Quentin Tarantinos Hommage an asiatische Martial Arts Filme und amerikanische Spaghetti Western

Nach einer sechs lange Jahre dauernden Durststrecke beglückt Quentin Tarantino seine Fans mit seinem bisher blutigsten und actionreichsten Film. Anders als seine früheren Werke negiert Kill Bill jedweden Bezug zu einer noch so unwirklich anmutenden Realität und geht ganz in einem phantastischen Parallel-Universum des Films auf.

Die Story
An ihrem Hochzeitstag wird Black Mamba (Uma Thurman), die einem Elite-Mordkommando namens Deadly Viper Assassination Squad (DiVAS) angehört, von den andern Gruppenmitgliedern brutal zusammengeschlagen und dann wird die schwangere Braut von ihrem ehemaligen Lover Bill (David Carradine), der zugleich der Boss von DiVAS ist, in den Kopf geschossen und als tot zurückgelassen.
Die fortan nur noch “The Bride” genannte Profikillerin ist jedoch nicht tot, sondern in einem Koma, aus welchem sie erst 4 Jahre später erwacht. Als sie sich erinnert, was ihre früheren Kollegen ihr angetan haben, macht sie sich auf, jeden einzelnen von ihnen zu finden und sich zu rächen. Die erste auf ihrer Liste ist O-Ren Ishii, genannt Cottonmouth (Lucy Liu), die inzwischen zum obersten Boss der japanische Yakuza aufgestiegen ist. Mit den Leibwächtern von Ishii liefert sich die Braut ein 20-minütiges Gemetzel, bevor es zum grossen Showdown im Schnee zwischen der Braut und Ishii kommt.
Zurück in Pasadena schaltet die Braut in einer bizarren Szene ausserdem auch Copperhead, alias Vernita Green (Vivicia A. Green) aus. Der Film endet mit einer Sequenz, in welcher Bill die von Black Mamba verstümmelte Sophie (Julie Dreyfus) fragt, ob die Braut wisse, dass das Kind, mit welchem sie bei dem Anschlag schwanger war, noch lebe…

Warum zwei Teile
werden sich Tarantino Freaks fragen. Na, erstens weil es wohl im Trend liegt und ausserdem wäre der Film in seiner blutigen Intensität in einer Gesamtlänge von über 3 Stunden der Sensibilität des feinsinnigen Publikums nicht zumutbar, fand der Regisseur (die Produzenten stimmten ihm zu; so lässt sich gleich zweimal Kasse machen, möchte man als Zynikerin meinen). Der zweite Teil, wo Black Mamba im Finale Grande endlich auf Bill trifft, nachdem sie die restlichen Mitglieder von DiVAS ausgeschaltet hat, soll im Frühjahr 2004 in unsere Kinos kommen; man darf gespannt sein.

Film
Kill Bill erinnert einerseits an frühere Tarantino Filme und ist andererseits formal und inhaltlich noch radikaler. Auch dieser Film ist anachronistisch erzählt, doch haben die einzelnen Szenen teilweise keine narrative Verbindung mehr sondern muten eher wie eine Sammlung von Vignetten an, deren einzige Verbindung der Rachedurst der Protagonistin ist. Der Film verweist auf keine Wirklichkeit, wie Tarantino sie sieht, mehr, sondern ist eine Art postmoderne Zitatensammlung aller Filme, die Tarantino beeinflusst haben. Doch wirken diese Zitate nicht aufgesetzt, sondern sie sind zu einem kohärenten Ganzen verwoben und verleihen Kill Bill eine zusätzliche Ebene. Da wäre zum Beispiel das Motto “Revenge is a dish best served cold”, welches Trekki Fans als Klingonisches Sprichwort aus “Star Trek 2: The Wrath of Khan” bekannt sein dürfte. Das Rachemotiv ist uns ausserdem aus zahlreichen Spaghettiwestern vertraut.
Der durch und durch böse Bill wird ironischerweise von David Carradine gespielt, bekannt aus der erfolgreichen Serie “Kung Fu”, welche ursprünglich für Bruce Lee konzipiert worden war. Black Mamba trägt bei ihrem Kampf in Haus der Blauen Blätter den auch einen Anzug, der genau so aussieht, wie jener, den Bruce Lee in seinem letzten Film getragen hatte. Auch Hattori Hanzo, gespielt von Sonny Chiba, als japanischer Schwertmeister, ist einer erfolgreichen japanischen Detektivserie entsprungen.
Quentin Tarantino experimentiert mit verschiedenen formalen Ausdrucksformen; O-Ren Ishiis Geschichte, wie sie von einem 7-jährigen Mädchen, das den brutalen Mord an ihren Eltern miterleben musste zum obersten Crime-Boss in Tokyo wird, wird als “anime” dargestellt. Auch Black Mambas Kampf mit den “Crazy 88″, der Leibgarde von Ishii, ist verfremdet dargestellt; meiner Meinung nach nicht, um die Szene zu entschärfen, sondern als formales Mittel. Überhaupt ist Kill Bill ein Film, der nicht auf inhaltlichen Zusammenhängen basiert, sondern viel mehr über formale Verknüpfungen arbeitet. Der Film hat eigentlich keine narrative Struktur, sondern ist eine Ansammlung perfekt choreografierter Kampfszenen, mit einigen komischen Einlagen, wobei Tarantino die Dialoge sparsamer einsetzt als in seinen bisherigen Werken. Die einzelnen Szenen sind in einem perfekten Rhythmus von schnell und langsam angeordnet, dass die Spannung über den ganzen Film erhalten bleibt.
Kill Bill ist das programmatische Beispiel eines postmodernen Filmes, der Inhalt und Narrativität eine Absage erteilt, und sich ganz über die Form definiert, und mit Versatzstücken und Zitaten gekonnt spielt. Kill Bill ist Tarantinos Liebeserklärung an asiatische Martial Arts Filme und amerikanische B-Movies. Das Ganze wird getragen von einem tollen Soundtrack, der den Film perfekt untermauert, jeder Song genau auf die Szene abgestimmt und genau so eklektisch wie die Filmzitate selbst. Allein schon der Soundtrack lohnt das Kinoticket.

“Kill Bill – Vol. 1″ (Action, Martial Arts) von Quentin Tarantino
mit: Uma Thurman, Lucy Liu, David Carradine, Daryl Hannah, Vivicia A. Fox, Michael Parks, Michael Madsen, Sonny Chiba, Julie Dreyfus

Die vier Federn

Den pakistanisch-stämmigen Briten Shekhar Kapur hat nun dasselbe Schicksal ereilt, welches schon vielen begabten Regisseuren, die in Hollywood den Durchbruch geschafft haben, zum Verhängnis geworden ist; er wurde das Opfer seines eigenen Erfolges. War sein Hollywood Debüt Elizabeth noch kompromisslos eigenwillig und symbolisch konsequent durchdacht, so lässt sein neuestes Werk diese Eigenschaften missen.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von A. E. W. Mason und spielt um 1884, zur Blütezeit des britischen Empires, welches damals fast ein Viertel der Welt umfasste, so unter anderem auch den Sudan. Es ist die Geschichte des jungen Soldaten Harry Feversham (Heath Ledger), welcher als einer der tapfersten Soldaten seines Regimentes gilt und der kurz vor der Hochzeit mit der schönen Ethne (Kate Hudson) steht. Als ein britischer Kolonialposten in Khartoum von Mahdisten attackiert wird, soll Harrys Regiment nach Nordafrika geschickt werden. Harry, welcher der Armee vor allem auf Drängen seines Vaters beigetreten ist, wird von Zweifeln am Sinn der Mission und von Angst um sein Leben und die gemeinsame Zukunft mit Ethne geplagt. Nach reiflicher Überlegung entschliesst er sich, sein Offizierspatent niederzulegen. Dieser Entscheid erweist sich als verheerend und stösst in seinem Umfeld auf Unverständnis. Seine ehemaligen Freunde und Regimentsgenossen schicken ihm als Zeichen ihrer Verachtung vier weisse Federn, Symbole der Feigheit, seine Verlobte Ethne wendet sich von ihm ab, da sie die gesellschaftliche Achtung fürchtet und sein eigener Vater verleugnet ihn. Fortan führt Harry das Leben eines von der Gesellschaft Geächteten. Als Harry von den zunehmend schweren Verlusten der britischen Truppen im Sudan erfährt, entschliesst er sich, auf eigene Faust nach Afrika zu gehen und seine Freunde zu finden. Unter grossem persönlichen Einsatz rettet er jedem seiner Freunde, von dem er eine Feder bekommen hatte, das Leben und stellt sich seinen Ängsten. Seine Integrität wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, als er von der Verbindung seiner ehemaligen Verlobten Ethne mit seinem besten Freund Jack (Wes Bentley) erfährt.
Bedauerlicherweise klammert Kapur den grössten Teil des kritischen Potenzials, welcher der Stoff mit sich bringt, aus. So hinterfragt Harry wohl die Legitimation der englischen Herrschaft im Sudan, doch werden im weiteren die Briten mit seltenen Ausnahmen als die Guten und die Afrikaner mit Ausnahme von Abou Fatma (Djimon Hounsou) als die Bösen dargestellt. Als zusätzliches Feindbild dient ein französischer! Sklavenhändler, dem dann die “edlen Wilden” (afrikanische Prinzessinnen, die als Sklavinnen verkauft werden sollen) gegenübergestellt werden. Die Hierarchisierung macht auch vor den unterschiedlichen afrikanischen Ethnien nicht halt, was wohl dazu dient, zu belegen, dass diese sich auch gegenseitig unterdrückt haben, und somit den Briten in nichts nachstanden. Obwohl Harry nicht einsieht, warum er im Sudan für sein Vaterland kämpfen (oder überhaupt Krieg führen) soll, so erachtet er es doch als seine Pflicht, seinen Regimentskameraden beizustehen. Das ist an und für sich nicht verwerflich, doch wird hier eine Art Kriegsideologie propagiert, dass man nicht für irgendein hehres Ideal, sondern für den Kameraden neben sich kämpft, was vom eigentlichen (gar nicht hehren) Ziel, der Kolonialisierung und der Ausbeutung der Dritten Welt, ablenkt. So führt das Ende des Films auch wieder zurück ins Herz des britischen Empires, welches die Heldentaten seiner Soldaten zelebriert und die Unterdrückung der kolonialisierten Völker programmatisch ausblendet. Es gibt zwar Ansätze der Völkerverständigung, so zwischen Harry und seinem Beschützer Abou Fatma, doch bleiben dies schablonenhaft und unausgegoren. Harry kehrt zurück und wird von der Gesellschaft, die ihn einst geächtet hatte, wieder aufgenommen; somit wird jene ideologische Sicht konsolidiert, gegen die sich Harry anfangs gestellt hatte.

Originaltitel: The Four Feathers (USA 2002)
Regie: Shekhar Kapur
Darsteller: Heath Ledger, Wes Bentley, Kate Hudson
Dauer: 132 min.

Million Dollar Baby

Ein poetischer Film über die Liebe und darüber, dass die eine Chance im Leben zu ergreifen alles andere aufwiegt.
Eine wunderbar sensible und eindringliche Geschichte des Altmeisters, welche die Abgründe menschlicher Beziehungen aufzeigt; zugleich aber auch ein Plädoyer, Liebe, wo sie einem begegnet, zuzulassen.

Zurecht wurde dieser Film mit Preisen überhäuft; unzweifelhaft ist es Eastwoods bisher beste Regiearbeit in einer Reihe von herausragenden Filmen. Es ist aber nur am Rande ein Film übers Boxen; vielmehr ist es eine Parabel auf den Zustand unserer Gesellschaft, gefüllt mit gescheiterten Existenzen, die einsam und von ihrer Familie entfremdet leben und die nicht einmal mehr im Glauben Halt finden.
Frankie, herausragend gespielt von Clint Eastwood, ist ein leicht chauvinistischer, vom Leben enttäuschter Boxtrainer, der nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch an sich selbst und seine Mitmenschen verloren hat. Er beschäftigt Scrap (herrlich unterkühlt Morgan Freeman) als “Mann für alles” in seinem heruntergekommenen Boxstudio, weil er sich ihm gegenüber verantwortlich fühlt. Maggie (aufwühlend authentisch Hilary Swank) stammt aus ärmsten Verhältnissen aus einer Wohnwagensiedlung im Mittleren Westen und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Kellnern. Inzwischen 32 Jahre alt, sieht im Boxen ihre einzige Chance, aus ihrem Leben etwas zu machen. Frankie nimmt sich Maggie widerwillig an (erstens ist sie zu alt und zweitens trainiert er keine Frauen) und ermöglicht es ihr so, die Chance ihres Lebens zu ergreifen. Bei Maggies erstem Titelkampf vergisst sie allerdings Franks wichtigste Regel “immer sich selbst zu schützen”, und Frankie fühlt sich einmal mehr verantwortlich und wird vor eine schwierige Entscheidung gestellt.
Clint Eastwoods Liebeserklärung an das klassische Erzählkino kommt ganz ohne Spezialeffekte aus, ist charakterisiert von langen, stillen Szenen, dabei geht aber die dramaturgische Spannung nie verloren.
“Million Dollar Baby” ist eine Ode an den Willen und daran, dass man alles erreichen kann, wenn man nur fest genug daran glaubt. Es ist eine Ode an das Leben an daran, dass man seine Chancen ergreift, auch wenn sie mit Risiken verbunden sind. Und es ist eine Ode an die Liebe und daran, dass auch wenn die Liebe mit Schmerzen verbunden ist, es immer noch besser ist, als sich jeglicher Beziehung zu verweigern.

Originaltitel: Million Dollar Baby (USA 2004)
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Hilary Swank, Clint Eastwood, Morgan Freeman
Dauer: 132 min.