Die vier Federn

Den pakistanisch-stämmigen Briten Shekhar Kapur hat nun dasselbe Schicksal ereilt, welches schon vielen begabten Regisseuren, die in Hollywood den Durchbruch geschafft haben, zum Verhängnis geworden ist; er wurde das Opfer seines eigenen Erfolges. War sein Hollywood Debüt Elizabeth noch kompromisslos eigenwillig und symbolisch konsequent durchdacht, so lässt sein neuestes Werk diese Eigenschaften missen.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von A. E. W. Mason und spielt um 1884, zur Blütezeit des britischen Empires, welches damals fast ein Viertel der Welt umfasste, so unter anderem auch den Sudan. Es ist die Geschichte des jungen Soldaten Harry Feversham (Heath Ledger), welcher als einer der tapfersten Soldaten seines Regimentes gilt und der kurz vor der Hochzeit mit der schönen Ethne (Kate Hudson) steht. Als ein britischer Kolonialposten in Khartoum von Mahdisten attackiert wird, soll Harrys Regiment nach Nordafrika geschickt werden. Harry, welcher der Armee vor allem auf Drängen seines Vaters beigetreten ist, wird von Zweifeln am Sinn der Mission und von Angst um sein Leben und die gemeinsame Zukunft mit Ethne geplagt. Nach reiflicher Überlegung entschliesst er sich, sein Offizierspatent niederzulegen. Dieser Entscheid erweist sich als verheerend und stösst in seinem Umfeld auf Unverständnis. Seine ehemaligen Freunde und Regimentsgenossen schicken ihm als Zeichen ihrer Verachtung vier weisse Federn, Symbole der Feigheit, seine Verlobte Ethne wendet sich von ihm ab, da sie die gesellschaftliche Achtung fürchtet und sein eigener Vater verleugnet ihn. Fortan führt Harry das Leben eines von der Gesellschaft Geächteten. Als Harry von den zunehmend schweren Verlusten der britischen Truppen im Sudan erfährt, entschliesst er sich, auf eigene Faust nach Afrika zu gehen und seine Freunde zu finden. Unter grossem persönlichen Einsatz rettet er jedem seiner Freunde, von dem er eine Feder bekommen hatte, das Leben und stellt sich seinen Ängsten. Seine Integrität wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, als er von der Verbindung seiner ehemaligen Verlobten Ethne mit seinem besten Freund Jack (Wes Bentley) erfährt.
Bedauerlicherweise klammert Kapur den grössten Teil des kritischen Potenzials, welcher der Stoff mit sich bringt, aus. So hinterfragt Harry wohl die Legitimation der englischen Herrschaft im Sudan, doch werden im weiteren die Briten mit seltenen Ausnahmen als die Guten und die Afrikaner mit Ausnahme von Abou Fatma (Djimon Hounsou) als die Bösen dargestellt. Als zusätzliches Feindbild dient ein französischer! Sklavenhändler, dem dann die “edlen Wilden” (afrikanische Prinzessinnen, die als Sklavinnen verkauft werden sollen) gegenübergestellt werden. Die Hierarchisierung macht auch vor den unterschiedlichen afrikanischen Ethnien nicht halt, was wohl dazu dient, zu belegen, dass diese sich auch gegenseitig unterdrückt haben, und somit den Briten in nichts nachstanden. Obwohl Harry nicht einsieht, warum er im Sudan für sein Vaterland kämpfen (oder überhaupt Krieg führen) soll, so erachtet er es doch als seine Pflicht, seinen Regimentskameraden beizustehen. Das ist an und für sich nicht verwerflich, doch wird hier eine Art Kriegsideologie propagiert, dass man nicht für irgendein hehres Ideal, sondern für den Kameraden neben sich kämpft, was vom eigentlichen (gar nicht hehren) Ziel, der Kolonialisierung und der Ausbeutung der Dritten Welt, ablenkt. So führt das Ende des Films auch wieder zurück ins Herz des britischen Empires, welches die Heldentaten seiner Soldaten zelebriert und die Unterdrückung der kolonialisierten Völker programmatisch ausblendet. Es gibt zwar Ansätze der Völkerverständigung, so zwischen Harry und seinem Beschützer Abou Fatma, doch bleiben dies schablonenhaft und unausgegoren. Harry kehrt zurück und wird von der Gesellschaft, die ihn einst geächtet hatte, wieder aufgenommen; somit wird jene ideologische Sicht konsolidiert, gegen die sich Harry anfangs gestellt hatte.

Originaltitel: The Four Feathers (USA 2002)
Regie: Shekhar Kapur
Darsteller: Heath Ledger, Wes Bentley, Kate Hudson
Dauer: 132 min.

Million Dollar Baby

Ein poetischer Film über die Liebe und darüber, dass die eine Chance im Leben zu ergreifen alles andere aufwiegt.
Eine wunderbar sensible und eindringliche Geschichte des Altmeisters, welche die Abgründe menschlicher Beziehungen aufzeigt; zugleich aber auch ein Plädoyer, Liebe, wo sie einem begegnet, zuzulassen.

Zurecht wurde dieser Film mit Preisen überhäuft; unzweifelhaft ist es Eastwoods bisher beste Regiearbeit in einer Reihe von herausragenden Filmen. Es ist aber nur am Rande ein Film übers Boxen; vielmehr ist es eine Parabel auf den Zustand unserer Gesellschaft, gefüllt mit gescheiterten Existenzen, die einsam und von ihrer Familie entfremdet leben und die nicht einmal mehr im Glauben Halt finden.
Frankie, herausragend gespielt von Clint Eastwood, ist ein leicht chauvinistischer, vom Leben enttäuschter Boxtrainer, der nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch an sich selbst und seine Mitmenschen verloren hat. Er beschäftigt Scrap (herrlich unterkühlt Morgan Freeman) als “Mann für alles” in seinem heruntergekommenen Boxstudio, weil er sich ihm gegenüber verantwortlich fühlt. Maggie (aufwühlend authentisch Hilary Swank) stammt aus ärmsten Verhältnissen aus einer Wohnwagensiedlung im Mittleren Westen und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Kellnern. Inzwischen 32 Jahre alt, sieht im Boxen ihre einzige Chance, aus ihrem Leben etwas zu machen. Frankie nimmt sich Maggie widerwillig an (erstens ist sie zu alt und zweitens trainiert er keine Frauen) und ermöglicht es ihr so, die Chance ihres Lebens zu ergreifen. Bei Maggies erstem Titelkampf vergisst sie allerdings Franks wichtigste Regel “immer sich selbst zu schützen”, und Frankie fühlt sich einmal mehr verantwortlich und wird vor eine schwierige Entscheidung gestellt.
Clint Eastwoods Liebeserklärung an das klassische Erzählkino kommt ganz ohne Spezialeffekte aus, ist charakterisiert von langen, stillen Szenen, dabei geht aber die dramaturgische Spannung nie verloren.
“Million Dollar Baby” ist eine Ode an den Willen und daran, dass man alles erreichen kann, wenn man nur fest genug daran glaubt. Es ist eine Ode an das Leben an daran, dass man seine Chancen ergreift, auch wenn sie mit Risiken verbunden sind. Und es ist eine Ode an die Liebe und daran, dass auch wenn die Liebe mit Schmerzen verbunden ist, es immer noch besser ist, als sich jeglicher Beziehung zu verweigern.

Originaltitel: Million Dollar Baby (USA 2004)
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Hilary Swank, Clint Eastwood, Morgan Freeman
Dauer: 132 min.

Alexander

Opulent inszenierte, pathetisch verklärte Langeweile

Nach der Wiederbelebung des Sandalenfilms durch “Gladiator” und dem Erfolg von historisch-mythischen Epen wie “Troja” war man in Hollywood wohl der Meinung, dass es jetzt an der Zeit wäre, Oliver Stone genug Geld (160 Mio.) zu geben, damit er sich seinen lang gehegten Traum, das Leben einer der sagenhaftesten Figuren der Antike, Alexander des Grossen, zu verfilmen, verwirklichen konnte.

Herausgekommen ist ein Film epischer Proportionen, der versucht, das bewegte Leben Alexander des Grossen, von seiner Kindheit und seiner schwierigen Beziehung zu seinen ambitiösen Eltern, über seine Jugendjahre, während welcher sein Vater Philipp ermordet wird und er seine Herrschaftsansprüche mittels Gewalt durchsetzen muss, seinen gloriosen Sieg über eine persische Übermacht und seinen jahrelang dauernden Eroberungsfeldzug durch grosse Teile Asiens bis zu seinem frühen und mysteriösen Tod im Alter von 32 Jahren nach zu zeichnen.
Obwohl natürlich Abstriche gemacht werden müssen, hält sich der Film im grossen Ganzen an die überlieferten Ereignisse. Stone versucht auch, eine kritische Distanz zur Figur Alexanders zu schaffen, indem er die zeitgenössische Rezeption Alexanders gleich in den Film einbezieht. So beginnt denn der Film Jahre nach Alexanders Tod in Ägypten, wo Ptolemaios, ein Jugendfreund Alexanders nach dessen Tod zum Pharao geworden, seine Memoiren niederschreibt. Er rezitiert über die Grösse Alexanders, darüber, dass “seine Niederlagen immer noch über die Erfolge von andern Männern ragen würden”. Das Geschehen im Film wird einige Male unterbrochen, damit wir den Worten Ptolemaios (Anthony Hopkins) lauschen können. Leider bringt diese Rahmenhandlung überhaupt nichts, sondern wirkt nur schulmeisterlich, indem sie nochmals wiederholt, was durch den Film selbst schon hätte zum Ausdruck kommen sollen. Nicht nur der Schreiber ist gelangweilt, sondern auch die Zuschauer; schlussendlich lässt Ptolemaios das soeben diktierte vernichten, und man wünscht sich, das selbe Schicksal hätte die Rahmenhandlung ereilt.
Bei der Ausstattung wurden keine Kosten gescheut, um alles so detail getreu wie möglich erscheinen zu lassen. Das Resultat ist beeindruckend; die orientalischen Städte und Gewänder erstrahlen in einer so noch nie gesehenen Farbenpracht. Auch die Schlachtszenen sind äusserst aufwendig, leider erinnern sie ein bisschen zu sehr an “Gladiator” wo Ridley Scott einen schockartigen Schnitt für das Schlachtgemetzel angewendet hat, ums so das Wesen so einer Schlacht besser vermitteln zu können
Hätten die Verantwortlichen doch bloss eben so viel Sorgfalt auf das Drehbuch verwendet. Denn sobald einer der Darsteller den Mund aufmacht, kommt nur schwülstiges, hochtrabendes Geschwätz heraus; teilweise handelt es sich um Satzfetzen, wie wir sie schon in “Gladiator” und “Troja” gehört haben, so im Sinne “der Ruhm eines Helden lebt nach seinem Tode weiter”; das waren schon damals öde Platitüden, welche durch die x-te Wiederholung auch nicht besser werden.
Beinahe wünscht man sich die Zeiten des Stummfilms zurück…
Trotz wohlklingender Namen enttäuschen auch die Darsteller in diesem Film. Colin Farrell, in der Vergangenheit in Filmen wie Minority Report, Tigerland, etc. positiv in Erscheinung getreten, ist als Alexander meiner Meinung nach eine Fehlbesetzung; er vermag der Figur des Alexander keine emotionale Tiefe zu verleihen, er wirkt oft zerfahren, aufbrausend und in seinen Aktionen inkonsistent und wenig charismatisch. Angelina Jolie als Alexanders Mutter Olympias, die einem bizarren Schlangenkult huldigt, war der einzige Lichtblick in einer ansonsten eher enttäuschenden Schauspielerriege. Überzeugend mag sie die schwierige Position einer starken Frau in einer von Männern und dynastischem Machtstreben geprägten Gesellschaft zu verkörpern, die versucht, die Stellung ihres Sohnes zu stärken.
Grossen Wirbel hat im prüden Amerika auch die explizite Darstellung von Alexanders homoerotischer Beziehung zu seinem lebenslangen Freund, Hephaistion (Jared Leto), der auch einer seiner fähigsten Generäle war, verursacht. Dies sehe ich jedoch als eine der Stärken des Films an, widerspiegelt doch diese Beziehung zwischen den zwei Männern die griechische Normalität, wo solche Beziehungen ein Grundstein der Gesellschaft waren. Die Beziehung zu Männern war oftmals wichtiger und persönlicher als die zur Ehefrau, die man meist aus dynastischen Gründen heiratete, obwohl Alexanders Beziehung zu seiner Frau Roxane (Rosario Dawson) als sehr leidenschaftlich dargestellt wird. Es wäre jetzt aber falsch, Alexander als bisexuell im heutigen Sinne zu verstehen, in der Antike entsprach diese Lebensform dem Ideal (so nach zu lesen in Platons “Das Gastmahl), stellte also keine Abweichung der Norm dar. Auch die Szene, wo er (im Film leider etwas unmotiviert) den persischen Tänzer Bagoas öffentlich küsst, soll historisch überliefert sein.
Es war abzusehen, dass die filmische Umsetzung des faszinierenden Lebens Alexander des Grossen schwierig sein würde. Es hätte ein interessanter Film werden können, leider ist das Ganze aber zu konventionell, zu “Mainstream” angelegt, wobei der schlechte Dialog das seine dazu beiträgt; der Film mag nicht zu bewegen, sondern nur zu langweilen, und das 175 min. lang.

Originaltitel: Alexander (USA 2004)
Regie: Oliver Stone
Darsteller: Colin Farrell, Angelina Jolie, Val Kilmer, Anthony Hopkins, Rosario Dawson, Jared Leto
Dauer: 175 min.
CH-Verleih: Monopole Pathé Films AG

Hidalgo – 3000 Meilen zum Ruhm

“Aragorn rides again”

In einer Zeit wo in Amerika im Bugwasser von 9/11 die Patriot Act die persönliche Freiheit der Bürger massiv beschneidet, zelebriert Disney eben gerade diese Freiheit des Einzelnen auf der Leinwand und lässt das Gefühl von Abenteuer wieder aufleben. Als Kontrast dazu werden die Menschen muslimischen Glaubens als von ihrer Religion verblendete Heiden dargestellt.

Die Geschichte
Frank Hopkins (Viggo Mortensen) ist Kurierreiter im amerikanischen Westen um 1890. Zusammen mit seinem Mustang, Hidalgo, hat er schon viele Distanzrennen gewonnen und daher erhält Hidalgo den Titel des ausdauernsten Pferdes der Welt. Als dies einer arabischen Gesandtschaft, die gerade in Amerika weilt, zu Ohren kommt, fordern sie Hopkins heraus, die Ausdauer seines Pferdes mit der von arabischen Vollblütern zu messen, die ihrer Meinung nach unschlagbar sind. Nach anfänglichem Zögern willigt Hopkins ein, am härtesten Ausdauerrennen durch die arabische Wüste über 3000 Meilen teilzunehmen. Bald merkt er, dass er nicht nur gegen die ungewohnte Hitze und Trockenheit ankämpfen muss, sondern dass ihm auch Gefahr durch unvorhersehbare Sandstürme und missgünstige Konkurrenten droht. Ihm Zuge des Rennens wird Hopkins klar, dass er, um das Rennen zu gewinnen, sich auch den Dämonen seiner Vergangenheit stellen muss. Dabei hilft ihm die aufkeimende Freundschaft zu Scheich Riyadh (Omar Sharif) und dessen Tochter Jazira (Zuleikha Robinson).

Die Propaganda
Nach seiner eindrücklichen Darstellung von Aragorn in der Lord of the Rings Trilogie ist dies der erste Film, in welchem Viggo Mortensen wieder mitspielt. Fans mögen wünschen, dass er eine bessere Wahl getroffen hätte, doch Gerüchten zufolge haben ihm die Reitszenen in LOTR soviel Spass gemacht, dass er der Möglichkeit, diesen Film auch wieder auf dem Rücken eines Pferdes zu verbringen, einfach nicht widerstehen konnte. Mortensen porträtiert die innere Zerrissenheit von Hopkins glaubhaft, wenn auch leicht unterkühlt und Omar Sharif gibt Scheich Riyadh als charmanten Patriarchen mit ironischem Unterton. Die Reitszenen sind eindrücklich, wenn auch manchmal unglaubhaft und die Landschaftsaufnahmen wunderbar. An der Oberfläche also ein unterhaltender Abenteuerfilm, der Spass für die ganze Familie verspricht mit wenig Gewaltszenen (es gibt kaum Tote) und gar keinen Sexszenen (abgesehen von ein paar Andeutungen). Ein ganz und gar unpolitischer Film, möchte man meinen. Doch bei näherer Betrachtung transportiert und zementiert der Film ur-amerikanische Wertvorstellungen. Der Film beginnt mit dem Massaker von “Wounded Knee”, wo die amerikanische Kavallerie am 29. Dezember 1890 200 Männer, Frauen und Kinder vom Stamm der Sioux erbarmungslos niedermetzelte. Unser Held, Frank Hopkins, selbst aus einer Verbindung eines Armeescouts mit einer Häuptlingstochter entsprungen, überbringt unwissentlich die Depesche, welche das Massaker autorisiert. In der Folge ertränkt Hopkins seine Schuldgefühle und seinen Selbsthass in Alkohol und tinkelt mit Buffalo Bills Wildwestshow durch die Lande, bis er eben zu dem Augenblick, wo er zum Rennen herausgefordert wird. Es geht im Film nicht darum, das Trauma der amerikanischen Urbevölkerung aufzuarbeiten, sondern “Wounded Knee” wird dazu instrumentalisiert, den amerikanischen Wilden Westen als den Gründungsmythos einer “freien” und “zivilisierten” Nation schreiben, wobei das Massaker nicht die Kulmination einer gezielten Ausrottungskampagne war, sondern ein tragischer Unfall, ausgelöst durch das Fehlverhalten einzelner. Somit kann der Wilde Westen weiter existieren als der mythische Ursprung von Freiheit und Gleichheit. Auf der arabischen Halbinsel angekommen, begegnet Hopkins dann einer ganzen Palette von stereotypen muslimischen Charakteren. Da wäre zum einen Scheich Riyadh, der zwar charmant und wortgewannt ist, aber trotzdem patriarchalischen Strukturen verhaftet und abergläubisch, dann sein verschlagener und diebischer Sekretär, welcher sich stets unterwürfig verhält, und nicht zuletzt der habgierige und mörderische Neffe, der nicht einmal davon zurückschreckt, die Tochter seines Onkels zu entführen, um ihn dazu zu bringen, sein Toppferd herauszugeben. Dem Klischee entsprechend, dass ein Mädchen nichts wert sei, ist Riyadh natürlich nicht bereit, sein bestes Pferd gegen seine Tochter einzutauschen. Der Orient wird porträtiert, wie es ihn nie gegeben hat, wie er aber schon seit Jahrhunderten in der Imagination des Westens verankert ist. Um den amerikanischen Geist von Freiheit weiter zu untermauern, dürfen auch ein paar düpierte Briten in Form von bestechlichen Offizieren und weichlichen Aristokraten nicht fehlen. Um die Unterlegenheit des Orients zu demonstrieren, werden auch einige Sklaven vorgeführt; in Amerika liegt ja die nominale Befreiung der Sklaven schon 27 Jahre zurück. Das Hauptvehikel der ideologischen Botschaft von Amerikas Überlegenheit ist jedoch Hidalgo, ein Mustang ungewisser Abstammung, entstanden aus den von den Spaniern zurückgelassenen Pferden. Das Pferd und Hopkins gewinnen das Rennen aufgrund von Durchhaltevermögen und Willenskraft und beweisen somit allen, dass ein amerikanisches “Mischlingspferd” den besten arabischen Vollblütern überlegen ist. Die Geschichte soll auf wahren Begebenheiten im Leben von Frank Hopkins beruhen, wodurch sie historisch verankert wird und einen gewissen Anspruch auf Wahrheit erfährt. Da erscheint es dann als nebensächlich, dass so ein Rennen historisch überhaupt nicht belegt ist und dass sich im Distanzreitsport arabische Vollblutpferde seit Jahren als unschlagbar erweisen. Einige Leser mögen jetzt einwenden, warum kann sie nicht einfach ins Kino gehen und den Film geniessen? Ja, auf einer Ebene geniesse ich es in Filme zu gehen und mich von den Bildern auf der Leinwand bezaubern zu lassen, aber auf einer andern Ebene werde ich dann immer von diesen ideologischen Botschaften bombardiert, die manchmal offensichtlich daherkommen und manchmal nur unterschwellig vorhanden sind, wie in diesem Film, was dann meinen Genuss jeweils etwas schmälert. Hollywood-Filme erreichen ein grosses Publikum und transportieren und perpetuieren so amerikanische Werte auf der ganzen Welt. Als kritische Kinogängerin will ich mich jedoch nicht von dieser kulturellen Neo-Kolonisation vereinnahmen lassen und möchte aufzeigen, wie uns auch harmlos daherkommende Abenteuerfilme die amerikanische Weltsicht vorgeben.

“Hidalgo” (Action, Adventure) von Joe Johnston (USA) mit: Viggo Mortensen, Omar Sharif, Zuleikha Robinson, Adam Alexi-Malle, Louise Lombard
Dauer: 136min
Verleih: Buena Vista International

Dogville

Bestandesaufnahme der condition humaine
Lars von Triers eindringliche Fabel über menschliche Schwäche, die korrumpierende Wirkung von Macht und kompromisslose Rache.

Als Lars von Trier im Jahr 2000 seinen Film “Dancer in the Dark” in Cannes vorstellte, wurde er von einigen US Journalisten dafür kritisiert, einen Film zu machen, der in Amerika spielt, ohne selber je einen Fuss auf amerikanischen Boden gesetzt zu haben. Lars von Trier fühlte sich davon so sehr provoziert, dass er sich entschloss, nicht bloss einen weiteren Film, sondern gleich eine ganze Trilogie über Amerika zu drehen, wovon “Dogville” der erste Teil ist.

Als einer der Mitbegründer von Dogme95 ist Lars von Trier bekannt für den experimentellen Charakter seiner Filme. Obwohl der Film nicht mehr streng den Regeln des Dogme95 Manifestes verpflichtet ist, ist er in seiner Reduktion auf das Wesentliche, nämlich die Schauspieler, wohl der bisher radikalste Film von Lars von Trier. Inspiriert vom minimalistischen Stil des Brechtschen Theaters hat von Trier auf jegliche Requisiten verzichtet, die nicht unmittelbar mit der Geschichte in Zusammenhang stehen. So spielt denn der ganze Film auf einer schwarzen Bühne, auf der mit weisser Farbe die Umrisse von Häusern und Strassennamen eingezeichnet sind. Selbst der Hund ist imaginär, als blosser Umriss auf dem Boden eingezeichnet und die Schauspieler öffnen und schliessen Türen, die auch imaginär sind. Dies mag den Zuschauer zunächst befremden, doch nach einiger Zeit nimmt man gar nicht mehr wahr, dass die Türen nicht physisch vorhanden sind.

Dogville ist eine kleine abgeschiedene Stadt in den Rocky Mountains, zur Zeit der Depression in Amerika. Hier lebt auch der aspirierende Romanauthor Tom Edison, der sich die Zeit bis zu seinem ersten niedergeschriebenen Satz die Zeit damit vertreibt, dass er die Bewohner mit seinen philosophisch-moralischen Fragestellungen beglückt. Die Monotonie des Kleinstadtlebens wird eines Abends durch zwei Schüsse jäh unterbrochen. Kurz darauf taucht Grace in der Stadt auf; sie ist auf der Flucht vor Gangstern. Tom überredet die andern Bewohner, Grace in der Stadt zu verstecken. Als Gegenleistung für diese gastfreundliche Aufnahme soll Grace für alle Bewohner kleinere Arbeiten verrichten. Dies geht gut, bis zwei Wochen später ein Polizist ein Fahndungsplakat von Grace aufhängt, in welchem sie als gefährliche Kriminelle denunziert wird. Die Bewohner sind im Zwiespalt, ob sie das Risiko, Grace auch weiterhin in der Stadt zu verstecken, eingehen wollen; sie willigen schliesslich ein, aber unter der Voraussetzung, dass Grace jetzt doppelt soviel arbeitet und zugleich weniger Lohn bekommt.

Die Bewohner der Stadt, die anfangs recht hilfsbereit schienen, entpuppen sich immer mehr als engstirnige Menschen mit Makel, welche Graces unglückliche Lage schamlos ausnutzen und sie grausam und menschenverachtend behandeln, aber alles immer noch unter dem Deckmantel, ihr helfen zu wollen. Der Film ist nicht, wie von gewisser Seite behauptet, anti-amerikanisch, sondern lotet das menschliche Potential für Grausamkeit und Machtmissbrauch aus. Die Bewohner von Dogville werden zu Beginn als gewöhnliche Leute dargestellt; doch in dieser Situation, wo Grace ihr Schicksal in ihre Hände gibt, entlarvt sich jedes Mitglied der kleinen Gemeinde als grausam und auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Gerade die Durchschnittlichkeit der Bewohner macht ihr Verhalten so verstörend: es sind Leute wie du und ich die sich plötzlich so menschenverachtend verhalten.

Da der Film eine zynische Bestandesaufnahme der menschlichen Gesellschaft widerspiegelt, darf auch das Ende nicht versöhnlich ausfallen. Der Zuschauer kann seine Genugtuung über das Schicksal der Bewohner der Stadt nicht ganz verhehlen und fragt sich betroffen, was das über seine eigenen moralischen Wertvorstellungen aussagt.

Lars von Trier ist ein eindrückliches Werk über den Verlust von Menschlichkeit gelungen, und wozu es führt, wenn eine Gemeinschaft Macht, die sie über andere, schwächere Mitglieder der Gesellschaft hat, ungezügelt durch jegliche ethischen Richtlinien ausnutzt. Trotz einer Länge von benahe 3 Stunden ein unbedingt sehenswerter Film.

“Dogville” (Drama) von Lars von Trier, 2003
mit: Nicole Kidman, Paul Bettany, Harriet Andersson, Stellan Skarsgård, Chloë Sevigny, Lauren Bacall, Ben Gazzara, James Caan, Jean-Marc Barr
Dauer: 2h58
Vertrieb: Monopole Pathé Films