Hidalgo – 3000 Meilen zum Ruhm

“Aragorn rides again”

In einer Zeit wo in Amerika im Bugwasser von 9/11 die Patriot Act die persönliche Freiheit der Bürger massiv beschneidet, zelebriert Disney eben gerade diese Freiheit des Einzelnen auf der Leinwand und lässt das Gefühl von Abenteuer wieder aufleben. Als Kontrast dazu werden die Menschen muslimischen Glaubens als von ihrer Religion verblendete Heiden dargestellt.

Die Geschichte
Frank Hopkins (Viggo Mortensen) ist Kurierreiter im amerikanischen Westen um 1890. Zusammen mit seinem Mustang, Hidalgo, hat er schon viele Distanzrennen gewonnen und daher erhält Hidalgo den Titel des ausdauernsten Pferdes der Welt. Als dies einer arabischen Gesandtschaft, die gerade in Amerika weilt, zu Ohren kommt, fordern sie Hopkins heraus, die Ausdauer seines Pferdes mit der von arabischen Vollblütern zu messen, die ihrer Meinung nach unschlagbar sind. Nach anfänglichem Zögern willigt Hopkins ein, am härtesten Ausdauerrennen durch die arabische Wüste über 3000 Meilen teilzunehmen. Bald merkt er, dass er nicht nur gegen die ungewohnte Hitze und Trockenheit ankämpfen muss, sondern dass ihm auch Gefahr durch unvorhersehbare Sandstürme und missgünstige Konkurrenten droht. Ihm Zuge des Rennens wird Hopkins klar, dass er, um das Rennen zu gewinnen, sich auch den Dämonen seiner Vergangenheit stellen muss. Dabei hilft ihm die aufkeimende Freundschaft zu Scheich Riyadh (Omar Sharif) und dessen Tochter Jazira (Zuleikha Robinson).

Die Propaganda
Nach seiner eindrücklichen Darstellung von Aragorn in der Lord of the Rings Trilogie ist dies der erste Film, in welchem Viggo Mortensen wieder mitspielt. Fans mögen wünschen, dass er eine bessere Wahl getroffen hätte, doch Gerüchten zufolge haben ihm die Reitszenen in LOTR soviel Spass gemacht, dass er der Möglichkeit, diesen Film auch wieder auf dem Rücken eines Pferdes zu verbringen, einfach nicht widerstehen konnte. Mortensen porträtiert die innere Zerrissenheit von Hopkins glaubhaft, wenn auch leicht unterkühlt und Omar Sharif gibt Scheich Riyadh als charmanten Patriarchen mit ironischem Unterton. Die Reitszenen sind eindrücklich, wenn auch manchmal unglaubhaft und die Landschaftsaufnahmen wunderbar. An der Oberfläche also ein unterhaltender Abenteuerfilm, der Spass für die ganze Familie verspricht mit wenig Gewaltszenen (es gibt kaum Tote) und gar keinen Sexszenen (abgesehen von ein paar Andeutungen). Ein ganz und gar unpolitischer Film, möchte man meinen. Doch bei näherer Betrachtung transportiert und zementiert der Film ur-amerikanische Wertvorstellungen. Der Film beginnt mit dem Massaker von “Wounded Knee”, wo die amerikanische Kavallerie am 29. Dezember 1890 200 Männer, Frauen und Kinder vom Stamm der Sioux erbarmungslos niedermetzelte. Unser Held, Frank Hopkins, selbst aus einer Verbindung eines Armeescouts mit einer Häuptlingstochter entsprungen, überbringt unwissentlich die Depesche, welche das Massaker autorisiert. In der Folge ertränkt Hopkins seine Schuldgefühle und seinen Selbsthass in Alkohol und tinkelt mit Buffalo Bills Wildwestshow durch die Lande, bis er eben zu dem Augenblick, wo er zum Rennen herausgefordert wird. Es geht im Film nicht darum, das Trauma der amerikanischen Urbevölkerung aufzuarbeiten, sondern “Wounded Knee” wird dazu instrumentalisiert, den amerikanischen Wilden Westen als den Gründungsmythos einer “freien” und “zivilisierten” Nation schreiben, wobei das Massaker nicht die Kulmination einer gezielten Ausrottungskampagne war, sondern ein tragischer Unfall, ausgelöst durch das Fehlverhalten einzelner. Somit kann der Wilde Westen weiter existieren als der mythische Ursprung von Freiheit und Gleichheit. Auf der arabischen Halbinsel angekommen, begegnet Hopkins dann einer ganzen Palette von stereotypen muslimischen Charakteren. Da wäre zum einen Scheich Riyadh, der zwar charmant und wortgewannt ist, aber trotzdem patriarchalischen Strukturen verhaftet und abergläubisch, dann sein verschlagener und diebischer Sekretär, welcher sich stets unterwürfig verhält, und nicht zuletzt der habgierige und mörderische Neffe, der nicht einmal davon zurückschreckt, die Tochter seines Onkels zu entführen, um ihn dazu zu bringen, sein Toppferd herauszugeben. Dem Klischee entsprechend, dass ein Mädchen nichts wert sei, ist Riyadh natürlich nicht bereit, sein bestes Pferd gegen seine Tochter einzutauschen. Der Orient wird porträtiert, wie es ihn nie gegeben hat, wie er aber schon seit Jahrhunderten in der Imagination des Westens verankert ist. Um den amerikanischen Geist von Freiheit weiter zu untermauern, dürfen auch ein paar düpierte Briten in Form von bestechlichen Offizieren und weichlichen Aristokraten nicht fehlen. Um die Unterlegenheit des Orients zu demonstrieren, werden auch einige Sklaven vorgeführt; in Amerika liegt ja die nominale Befreiung der Sklaven schon 27 Jahre zurück. Das Hauptvehikel der ideologischen Botschaft von Amerikas Überlegenheit ist jedoch Hidalgo, ein Mustang ungewisser Abstammung, entstanden aus den von den Spaniern zurückgelassenen Pferden. Das Pferd und Hopkins gewinnen das Rennen aufgrund von Durchhaltevermögen und Willenskraft und beweisen somit allen, dass ein amerikanisches “Mischlingspferd” den besten arabischen Vollblütern überlegen ist. Die Geschichte soll auf wahren Begebenheiten im Leben von Frank Hopkins beruhen, wodurch sie historisch verankert wird und einen gewissen Anspruch auf Wahrheit erfährt. Da erscheint es dann als nebensächlich, dass so ein Rennen historisch überhaupt nicht belegt ist und dass sich im Distanzreitsport arabische Vollblutpferde seit Jahren als unschlagbar erweisen. Einige Leser mögen jetzt einwenden, warum kann sie nicht einfach ins Kino gehen und den Film geniessen? Ja, auf einer Ebene geniesse ich es in Filme zu gehen und mich von den Bildern auf der Leinwand bezaubern zu lassen, aber auf einer andern Ebene werde ich dann immer von diesen ideologischen Botschaften bombardiert, die manchmal offensichtlich daherkommen und manchmal nur unterschwellig vorhanden sind, wie in diesem Film, was dann meinen Genuss jeweils etwas schmälert. Hollywood-Filme erreichen ein grosses Publikum und transportieren und perpetuieren so amerikanische Werte auf der ganzen Welt. Als kritische Kinogängerin will ich mich jedoch nicht von dieser kulturellen Neo-Kolonisation vereinnahmen lassen und möchte aufzeigen, wie uns auch harmlos daherkommende Abenteuerfilme die amerikanische Weltsicht vorgeben.

“Hidalgo” (Action, Adventure) von Joe Johnston (USA) mit: Viggo Mortensen, Omar Sharif, Zuleikha Robinson, Adam Alexi-Malle, Louise Lombard
Dauer: 136min
Verleih: Buena Vista International