Underworld Evolution

Verkehrte Vampirwelt

Drei Jahre nach dem Überraschungserfolg von “Underworld” gibt’s nun endlich die Fortsetzung. Die Vampir-Älteren sind alle tot und Selene und Michael sind auf der Flucht und auf der Suche nach Antworten. Dabei stossen sie auf den Ursprung der Feindschaft zwischen Vampiren und Werwölfen und Selene muss einmal mehr die Welt vor ausser Kontrolle geratenen Monstern retten.

Der Film
Woran dieser Film vor allem kränkelt, ist ein Übermass von profillosen Protagonisten, so dass man bald nicht mehr weiss, wer wer ist. Zum Glück werden einige gleich zu Beginn des Films hingemacht, wobei die reduzierte Anzahl von Charakteren immer noch zahlreich genug ist, um die Konzentrationsfähigkeit des Publikums arg auf die Probe zu stellen. Das soll jetzt aber nicht heissen, dass der Film schlecht ist; die Handlung ist nachvollziehbar, wird jedoch durch einige Rückblenden (unnötig) verkompliziert. Die Spezialeffekte und Stunts überzeugen, die Action ist rasant und auch die Landschaftsaufnahmen und Sets haben den richtigen “Gothic Look”, verstärkt noch durch das kalte blaue Licht, in das der Film getaucht scheint. Für die Romantiker im Publikum entwickelt sich auch eine zarte Beziehung zwischen Selene und Michael, die beinahe ein Shakespeare’sches Ende nimmt.

Rollentausch
Die Liebesgeschichte zwischen Selene und Michael verläuft allerdings unter verkehrten Vorzeichen. Obwohl Michael durch Selenes Biss jetzt die Kräfte von Vampir und Werwolf in sich vereint, ist es Selene, die bestimmt, was gemacht wird und die die Rolle des Beschützers übernimmt. Als die beiden auf ihrer Flucht in einem unterirdischen Bunker halt machen, soll Michael im Versteck warten, während Selene in Victors Villa zurückkehrt um den letzten noch verbliebenen Vampir-König, Marcus zu erwecken. Allein im Bunker kann sich Michael nicht dazu überwinden, von den dort gelagerten Blutkonserven zu trinken und entschliesst sich stattdessen, das sichere Versteck zu verlassen um in einer rustikalen Gaststätte ein herzhaftes Mahl zu sich zu nehmen. Sein verwandelter Körper kann jedoch mit der menschlichen Kost nicht viel anfangen und reagiert dementsprechend, was natürlich die Aufmerksamkeit der zufällig auch gerade dort speisenden Polizisten erregt. Es folgt eine wilde Flucht vor Polizisten und einem neu erweckten Vampirältesten, wobei Michael einmal mehr von Selene gerettet werden muss.

Transformationen
In anderer Hinsicht ist der Film jedoch konservativer. Während sich die männlichen Protagonisten bei Kämpfen und in anderen Extremsituationen in behaarte, zähnefletschende Monster/Tiere verwandeln, macht die kleine Kate ihre Gegner im Lackkostüm und ohne allzu grosse Anstrengung platt. Nie wird ihre kühle Schönheit durch die Verwandlung in eine kaum widererkennbare Kreatur verunstaltet. Obwohl die Frau in diesem Action-Film die aktive Rolle hat, scheint die Verunstaltung des schönen weiblichen Körpers einen Tabubruch darzustellen, der nicht imaginiert werden kann. Immer noch wird der Blick des Zuschauers als männlich konstruiert; denn der weibliche Blick wird irritiert durch den Anblick von Michael in seiner Form als hybrides Monster.

Die Ungarn-Connection
Als die Polizisten Michael im Wald verfolgen, reden sie untereinander ungarisch und auch ihre Wagen sind mit “Rendörség” (ungar. Polizei) beschriftet. Ausserdem leitet sich der Name “Corvinus” vom ungarischen Renaissance-König Mátyás Hunyadi, der sich mit Bezug aufs Familienwappen (welches einen Raben mit einem Ring im Schnabel zeigt) auch Matthias Corvinus nannte. Als ihn Vlad Tepes (das historische Vorbild für Dracula) um 1492 um Hilfe gegen die Türken bat, liess ihn König Matthias einkerkern; Corvinus Verwandte Ilona Szilágyi verliebte sich in Vlad Tepes und er wurde teilweise begnadigt.
Historisch ist es jedoch so, dass die Vampirlegenden ausschliesslich in der slavischen Überlieferung verortet sind, und der ungarischen Folklore vollkommen fremd sind. Dass Ungarn und Vampire doch in Verbindung gebracht werden, daran ist wohl Bram Stoker schuld: als er Dracula in Transylvanien (zur damaligen Zeit zu Ungarn gehörend) ansiedelte und auch sonst zahlreiche Verweise zu ungarischen Kultur einflocht, führte das dazu, dass Vampire im kulturellen Gedächtnis für alle Zeiten mit Ungarn verknüpft sind.

Coole Horror-Action für Vampirfans mit einer romantischen Ader.

Originaltitel: Underworld Evolution (USA 2006)
Regie: Len Wiseman
Darsteller: Kate Beckinsale, Scott Speedman, Derek Jacobi, Michael Sheen, Tony Curran, Shane Brolly
Dauer: 108 min.
CH-Verleih: Buena Vista International

Underworld

Vampire vs. Werwölfe

In einer düsteren Welt, wo sich Vampire und Werwölfe seit jahrtausenden bekriegen, verliebt sich eine kompromisslose Vampirkriegerin in einen gewöhnlichen Sterblichen, der allerdings ein explosives Geheimnis in sich trägt.

Unnatürlicherweise fand die Pressevisionierung für diesen vornehmlich nachts spielenden Film um 10 Uhr in der Früh statt. Die Verfasserin dieses Artikels betrat das Kino Punkt 10 Uhr (eine Kirchenglocke schlug gerade die volle Stunde), zu welchem Zeitpunkt der Film schon begonnen hatte. Als die Verfasserin den Kinosaal betrat, war auf der Leinwand gerade der Vorspann zu sehen und sie bemerkte vage, dass die Reihen ziemlich gut besetzt schienen. Um niemanden zu stören, beschloss sie zu warten bis der Film anfing, um sich einen Platz zu suchen, da dann meist wesentlich heller wird im Kino. Sie sollte jedoch enttäuscht werden; der Film wurde mit einer düsteren Nachtszene eröffnet, in welcher die Heldin in einem Voice-Over die Prämisse für den Film darlegt.
Nach einigen Minuten dämmerte es der Verfasserin, dass wohl der ganze Film in dieser düsteren kalt blau-grauen Atmosphäre spielen würde, doch hatten sich ihre Augen in der Zwischenzeit an die Dunkelheit gewöhnt und sie liess sich vorsichtig in einen freien Sessel am Rande nieder. Die Heldin des Films, Selene, eine Death-Dealerin (Kate Beckinsale) kauert auf der Balustrade einer gotisch anmutenden Architektur und sinniert über ihr Dasein als Vampir und die schon Jahrtausende andauernde Fehde zwischen Vampiren und Lycans nach (dem Volksmund besser bekannt unter dem Begriff “Werwolf”), während sie durch ein High-Tech Fernglas eine Horde von Werwölfen beobachtet. Auf der folgenden Verfolgungs- und Vernichtungsjagd durch U-Bahn Tunnels und andere unterirdische Schächte beschleicht unsere Heldin das Gefühl, dass die Werwölfe nicht zufällig dort sind, sondern dass sie offenbar hinter einem bestimmten Menschen her sind. Als sie ihren Verdacht, dass die Lycans wohl einen grösseren Coup planen, dem unbedarften Vampirführer Kraven (Shane Brolly) mitteilt, tut dieser ihre Bedenken ab. Unsere Heldin lässt sich jedoch nicht beirren und macht sich in der Folge auf eigene Faust auf die Suche nach dem schwer zu fassenden Menschen.
“Underworld” ist das Resultat einer Co-Produktion verschiedener Länder (GB, D, HUN, USA) und hat je nach Quelle läppische 23-30 Mio. US-Dollar gekostet. Der Film orientiert sich an Genreklassikern wie American Werwolf, Blade und Matrix, wie der eingefleischte Filmfan unschwer erkennen wird. Geschickt wird aus diesen unterschiedlichen Filmzitaten eine stilistisch beeindruckende, unterkühlte Fantasy-Welt erschaffen, in der sich Vampire und Werwölfe mehr oder weniger unbemerkt im Schutz der Dunkelheit tummeln. Der Zuschauer wird unweigerlich in eine seltsame Zwischenwelt entführt, die sich seit Stokers Dracula unauslöschlich in die Imagination und das Gedächtnis unserer Kultur festgesetzt hat.
Die unterschwellige Irritation des Filmes entsteht auch durch die Vertauschung der Geschlechterrollen, vor allem in der angedeuteten Liebesgeschichte zwischen Selene und Mark Corvin (Scott Speedman). Zwar gibt es schon bei Stoker weibliche Vampire, die über übernatürliche Kräfte verfügen, doch sind diese einerseits selbst Opfer von Dracula und anderseits werden ihnen jegliche weibliche Eigenschaften abgesprochen; sie sind Monster. Selene ist kein Monster, doch ist sie auch nicht menschlich, sie verfügt über aussergewöhnliche Kräfte, die sie jedem Menschen überlegen machen; so ist sie es, die den verwundbaren Mark sowohl vor den Werwölfen wie auch den Vampiren beschützen muss. Ausserdem sind alle männlichen Figuren im Film fehlbar, was sie als Identifikationsfiguren ungeeignet erscheinen lässt. Der Blick des Zuschauers / der Zuschauerin, in unserer Kultur unweigerlich männlich geprägt, wird auf eine weibliche Identifikationsfigur zurückgeworfen, was bis anhin in amerikanischen Actionfilmen leider immer noch eher eine Ausnahme denn die Regel darstellt.
Der Film verwischt ausserdem geschickt die Grenzen zwischen Gut und Böse. Von den Vampiren, am Anfang des Films noch als die Guten eingeführt, bröckelt bald die Fassade der Rechtschaffenheit, während die Werwölfe, zu Beginn als ungehobelte, unbeherrschte Kreaturen verschrien, sich im Zuge des Films bald als Opfer einer rücksichtslosen Machtpolitik der Vampire entpuppen.
Dieser unterhaltsame Film ist in den USA unversehens zum Erfolg geraten und ist sicher ein unbedingtes Muss für alle Fans von Vampirfilmen à la Blade. Kate Beckinsale überzeugt trotz fehlender Grösse dank ihrer Präsenz als zähe Vampirkriegerin im sexy Lackkostüm und auch Scott Speedman verkörpert den verwundbaren, wenn auch nicht hilflosen Menschen glaubwürdig. Einige der andern männlichen Darsteller lassen jedoch zu wünschen übrig. Der Film ist sehenswert, einzig das penetrant offene Ende, dass geradezu nach einer Fortsetzung schreit, vermag den positiven Eindruck ein bisschen zu schmälern.

“Underworld” (Action, Fantasy, Horror, Thriller) von Len Wiseman (GB, D, HUN, USA, 2003)
mit: Kate Beckinsale, Scott Speedman, Michael Sheen, Shane Brolly, Bill Nighy, Sophia Myles
Dauer: 121min
Schweizer Verleih: Elite