Liebe lieber indisch

Jane Austen in Bollywood

In ihrer zweiten Regiearbeit nach dem Überraschungserfolg “Bend it like Beckham” nimmt sich die indisch-stämmige Gurinder Chadha einem der wohl bekanntesten und beliebtesten Romane der englischen Literatur an. In einem Akt der (umgekehrten) Aneignung verwandelt sie die georgianische Liebesgeschichte in ein opulentes Bollywood-Musical.

Die gutbürgerliche Familie Bakshis lebt in Amritsar, einer kleine Stadt im Pandschab. Da die Familie mit vier Töchtern gesegnet ist, besteht der grösste Ehrgeiz von Frau Bakshis darin, all ihren Töchtern zu vorteilhaften Partien zu verhelfen. Auf der Hochzeitfeier gemeinsamer Bekannter lernt Jaya, die älteste Tochter, den attraktiven und vermögenden Balraj kennen. Balraj hat auch seinen Studienfreund aus seiner Zeit in Oxford, den amerikanischen Hotelier William Darcy (Martin Henderson) mitgebracht. Darcy hält Indien für ein ziemlich rückständiges Land und verleiht dieser Meinung auch Ausdruck; diese offen zur Schau gestellte Geringschätzung ihrer Kultur empört die schöne Lalita (Aishwarya Rai – Miss World 1994), die zweitälteste Tochter. Als sich die beiden in Goa, wo Darcy ein Hotel zu kaufen plant, erneut treffen, mokiert sich Lalita über den Brauch westlicher Touristen, in einer Hotelanlage Ferien zu machen und danach das Gefühl zu haben, das Land und die Leute kennen gelernt zu haben. Um sich zu beruhigen macht sie einen Strandspaziergang, wo sie den Rucksacktouristen Johnny Wickham kennen lernt. Wickham kennt Darcy, steht aber nicht gerade in seiner Gunst, was die Bakshis Schwestern aber nicht davon abhält, ihn in das elterliche Haus einzuladen
Zurück in Amritsar erhält die Familie Besuch von Mr. Kholi, einem amerikanischen Inder, der auf der Suche nach einer traditionellen indischen Frau ist. Da Jaya so gut wie vergeben ist, hat ihn Mrs. Bakshis für Lalita vorgesehen, die denkt jedoch gar nicht daran, den schrulligen Mr. Kholi zu heiraten. Dieser verguckt sich stattdessen in Lalitas Freundin und als die Bakshis zur Hochzeit nach LA eingeladen werden, kreuzen sich die Wege von Darcy und Lalita erneut. Gerade als Lalita glaubt, sich ein vorschnelles Urteil gebildet zu haben, als sie Darcy als arroganten, unsensiblen Snob abtat, wird sie durch sein Verhalten in ihrer Meinung bestärkt und die zarte Romanze, die zwischen den beiden aufgekeimt ist, findet ein abruptes Ende. Unnötig zu sagen, dass sich die beiden nach weiteren Irrungen und Wirrungen doch noch kriegen.

Umgekehrte kulturelle Aneignung
Geschickt verlegt Chadha die klassische englische Romanze zwischen einem reichen Aristokraten und der selbstbewussten Tochter eines verarmten Landadligen ins Indien der Gegenwart. Aus den Bennets wird die Bakshis Familie und die Schwierigkeiten, 4 (5) Töchter zu verheiraten sind im modernen Indien genauso aktuell wie im England des 18./19.Jahrhunderts. Obwohl ein Teil der Konfliktsituationen, vor allem zwischen Lalita (Lizzie) und Darcy auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen sind, kommt auf Darcys Seite auch noch Standesdünkel hinzu. Grösstenteils hält sich Chadha bezüglich der Abfolge der Ereignisse an die literarische Vorlage, doch das Ganze wird im Stil des bollywoodschen Kinos neu interpretiert. Die für westliche Augen befremdlich anmutende Überhöhung macht aber zugleich auch den Reiz aus: nicht nur Gefühle und Emotionen werden überschwänglich ausgelebt, sondern der Zuschauer wird auch von der unglaublichen Farbigkeit überwältigt.
Die Gesang- und Tanzeinlagen, welche im Bollywood-Kino oft nicht so eng mit dem übrigen Geschehen in Zusammenhang stehen, hat Chadha gekonnt mit der Erzählstruktur der Geschichte verwoben, wobei sie sich dafür auch an klassischen Hollywood Musicals orientiert hat (Singin’ in the Rain).
Obwohl der Film gerade bezüglich ernsterer Themen wie kultureller Hegemonie-Ansprüche an der Oberfläche bleibt, bietet er eine unterhaltsame und frische Umsetzung eines beliebten Literaturklassikers; trotz der kulturellen Transplantation bleiben die Figuren erkennbar.

Originaltitel: Bride and Prejudice (GB / USA 2004)

Regie: Gurinder Chadha
Darsteller: Aishwarya Rai, Martin Henderson, Daniel Gillies, Naveen Andrews, Namrata Shirodkar, Indira Varma, Nadira Babbar
Dauer: 112 min.

Bend it Like Beckham

Eine spritzige Multikulti-Komödie über Fussball, das Erwachsenwerden und traditionsbewusste Eltern, die in Grossbritannien die Kinocharts stürmte.

Jess (Parminder Nagra) ist 18, Inderin und wächst in einer traditionsbewussten indischen Familie auf. Ihre ausgezeichneten schulischen Leistungen veranlassen ihre Mutter dazu in ihr eine zukünftige Staranwältin zu sehen. Als pflichtbewusste indische Tochter sollte sie jedoch auch lernen “Chapatti” zuzubereiten und sich einen indischen Mann suchen, der ihren Eltern genehm ist, nun da ihre Schwester demnächst heiratet. Doch statt Männer und Kleider hat Jess nur eins im Kopf: sie spielt lieber Fussball mit den Jungs statt mit ihnen zu flirten. Ihr grosses Vorbild ist Manchester United Star-Kicker David Beckham, dessen Poster über ihrem Bett sie auch all ihre Sorgen anvertraut. Eines Tages wird sie im Park von Jules (Keira Knightley) angesprochen, die sie einlädt, beim örtlichen Frauen-Team, den Hounslow Harriers mitzuspielen. Während ihre Eltern glauben, Jess habe einen Sommer-Job bei HMV, trainiert sie mit dem Team. Dank Jules und Jess spielt das Team so erfolgreich, dass gar ein Headhunter aus den USA auf sie aufmerksam wird.

Bend It Like Beckham nimmt auf spielerische Weise kulturspezifische Traditionen in England lebender Inder aufs Korn. Dabei vernachlässigt der Film es aber nicht auf Probleme einzugehen, die im Zusammenleben in einem multikulturellen Umfeld notwendigerweise entstehen. Während einige der Jungen schon mehr in der englischen Kultur zuhause sind, übt das Vorhandensein einer umfangreichen indischen Gemeinde doch einen ziemlichen Druck auf die älteren Familienmitglieder aus sich traditionsgemäss zu verhalten. Als Jess gesehen wird, wie sie einen vermeintlichen weissen Jungen (ihre Freundin Jules, die ziemlich kurze Haare hat) umarmt, lösen die Eltern des Verlobten ihrer Schwester die Verlobung. Obwohl diese kulturspezifischen Konflikte angesprochen werden, erweisen sie sich nicht als unüberwindbar. Als Jess Eltern merken, wie wichtig ihr Fussballspielen ist, geben sie nach und erlauben ihr sogar, ein Sportstipendium in Kalifornien anzunehmen. Doch nicht alle Konflikte sind kultureller Natur: Jules Mutter (genial gespielt von Juliet Stevenson), obwohl der weissen Mittelklasse entstammend, ist genauso entsetzt darob das ihre Tochter nur Fussball im Kopf hat wie Jess Mutter; zudem wird sie noch von der Angst geplagt, dass Jules gegenüber Jess lesbische Neigungen entwickelt. Dem ist jedoch nicht so, denn beide Mädchen haben sich in den zurückhaltenden Joe (Jonathan Rhys-Meyers), den irischen Trainer ihres Teams verguckt, was allerlei Komplikationen nach sich zieht, denn, zum einen ist es Joe nicht erlaubt sich mit einer seiner Spielerinnen einzulassen und zum andern finden es Jess Eltern unmöglich, dass sie sich mit einem Weissen eingelassen hat.

Bend It Like Beckham ist ein richtiges “feelgood” Movie mit erfrischend natürlich agierenden Schauspielern, unterhaltsam, mit einem versöhnlichen Ende, und sicher nicht nur für Fussball-Fans.