{"id":68,"date":"2011-09-22T09:35:29","date_gmt":"2011-09-22T07:35:29","guid":{"rendered":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/?p=68"},"modified":"2019-01-08T12:10:50","modified_gmt":"2019-01-08T11:10:50","slug":"dogville","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/?p=68","title":{"rendered":"Dogville"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bestandesaufnahme der <em>condition humaine<\/em><\/strong><br \/>\n<strong> Lars von Triers eindringliche Fabel \u00fcber menschliche Schw\u00e4che, die korrumpierende Wirkung von Macht und kompromisslose Rache.<\/strong><\/p>\n<p>Als Lars von Trier im Jahr 2000 seinen Film &#8222;Dancer in the Dark&#8220; in Cannes vorstellte, wurde er von einigen US Journalisten daf\u00fcr kritisiert, einen Film zu machen, der in Amerika spielt, ohne selber je einen Fuss auf amerikanischen Boden gesetzt zu haben. Lars von Trier f\u00fchlte sich davon so sehr provoziert, dass er sich entschloss, nicht bloss einen weiteren Film, sondern gleich eine ganze Trilogie \u00fcber Amerika zu drehen, wovon &#8222;Dogville&#8220; der erste Teil ist.<\/p>\n<p>Als einer der Mitbegr\u00fcnder von Dogme95 ist Lars von Trier bekannt f\u00fcr den experimentellen Charakter seiner Filme. Obwohl der Film nicht mehr streng den Regeln des Dogme95 Manifestes verpflichtet ist, ist er in seiner Reduktion auf das Wesentliche, n\u00e4mlich die Schauspieler, wohl der bisher radikalste Film von Lars von Trier. Inspiriert vom minimalistischen Stil des Brechtschen Theaters hat von Trier auf jegliche Requisiten verzichtet, die nicht unmittelbar mit der Geschichte in Zusammenhang stehen. So spielt denn der ganze Film auf einer schwarzen B\u00fchne, auf der mit weisser Farbe die Umrisse von H\u00e4usern und Strassennamen eingezeichnet sind. Selbst der Hund ist imagin\u00e4r, als blosser Umriss auf dem Boden eingezeichnet und die Schauspieler \u00f6ffnen und schliessen T\u00fcren, die auch imagin\u00e4r sind. Dies mag den Zuschauer zun\u00e4chst befremden, doch nach einiger Zeit nimmt man gar nicht mehr wahr, dass die T\u00fcren nicht physisch vorhanden sind.<\/p>\n<p>Dogville ist eine kleine abgeschiedene Stadt in den Rocky Mountains, zur Zeit der Depression in Amerika. Hier lebt auch der aspirierende Romanauthor Tom Edison, der sich die Zeit bis zu seinem ersten niedergeschriebenen Satz damit vertreibt, die Bewohner mit seinen philosophisch-moralischen Fragestellungen zu begl\u00fccken. Die Monotonie des Kleinstadtlebens wird eines Abends durch zwei Sch\u00fcsse j\u00e4h unterbrochen. Kurz darauf taucht Grace in der Stadt auf; sie ist auf der Flucht vor Gangstern. Tom \u00fcberredet die anderen Bewohner, Grace in der Stadt zu verstecken. Als Gegenleistung f\u00fcr diese gastfreundliche Aufnahme soll Grace f\u00fcr alle Bewohner kleinere Arbeiten verrichten. Dies geht gut, bis zwei Wochen sp\u00e4ter ein Polizist ein Fahndungsplakat von Grace aufh\u00e4ngt, in welchem sie als gef\u00e4hrliche Kriminelle denunziert wird. Die Bewohner sind im Zwiespalt, ob sie das Risiko, Grace auch weiterhin in der Stadt zu verstecken, eingehen wollen; sie willigen schliesslich ein, aber unter der Voraussetzung, dass Grace jetzt doppelt soviel arbeitet und zugleich weniger Lohn bekommt.<\/p>\n<p>Die Bewohner der Stadt, die anfangs recht hilfsbereit schienen, entpuppen sich immer mehr als engstirnige Menschen mit Makel, welche Graces ungl\u00fcckliche Lage schamlos ausnutzen und sie grausam und menschenverachtend behandeln, aber alles immer noch unter dem Deckmantel, ihr helfen zu wollen. Der Film ist nicht, wie von gewisser Seite behauptet, anti-amerikanisch, sondern lotet das menschliche Potential f\u00fcr Grausamkeit und Machtmissbrauch aus. Die Bewohner von Dogville werden zu Beginn als gew\u00f6hnliche Leute dargestellt; doch in dieser Situation, wo Grace ihr Schicksal in ihre H\u00e4nde gibt, entlarvt sich jedes Mitglied der kleinen Gemeinde als grausam und auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Gerade die Durchschnittlichkeit der Bewohner macht ihr Verhalten so verst\u00f6rend: es sind Leute wie du und ich die sich pl\u00f6tzlich so menschenverachtend verhalten.<\/p>\n<p>Da der Film eine zynische Bestandesaufnahme der menschlichen Gesellschaft widerspiegelt, darf auch das Ende nicht vers\u00f6hnlich ausfallen. Der Zuschauer kann seine Genugtuung \u00fcber das Schicksal der Bewohner der Stadt nicht ganz verhehlen und fragt sich betroffen, was das \u00fcber seine eigenen moralischen Wertvorstellungen aussagt.<\/p>\n<p>Lars von Trier ist ein eindr\u00fcckliches Werk \u00fcber den Verlust von Menschlichkeit gelungen, und wozu es f\u00fchrt, wenn eine Gemeinschaft Macht, die sie \u00fcber andere, schw\u00e4chere Mitglieder der Gesellschaft hat, ungez\u00fcgelt durch jegliche ethischen Richtlinien ausnutzt. Trotz einer L\u00e4nge von benahe 3 Stunden ein unbedingt sehenswerter Film.<\/p>\n<p>&#8222;Dogville&#8220; (Drama) von Lars von Trier, 2003<br \/>\nmit: Nicole Kidman, Paul Bettany, Harriet Andersson, Stellan Skarsg\u00e5rd, Chlo\u00eb Sevigny, Lauren Bacall, Ben Gazzara, James Caan, Jean-Marc Barr<br \/>\nDauer: 2h58<br \/>\nVertrieb: Monopole Path\u00e9 Films<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bestandesaufnahme der condition humaine Lars von Triers eindringliche Fabel \u00fcber menschliche Schw\u00e4che, die korrumpierende Wirkung von Macht und kompromisslose Rache.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":371,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,3],"tags":[21,19,37,20],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68"}],"collection":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=68"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":375,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68\/revisions\/375"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/371"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=68"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=68"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=68"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}