{"id":424,"date":"2018-12-15T22:25:29","date_gmt":"2018-12-15T21:25:29","guid":{"rendered":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/?p=424"},"modified":"2019-04-15T17:21:46","modified_gmt":"2019-04-15T15:21:46","slug":"wie-die-maus-zum-modellorganismus-in-der-forschung-wurde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/?p=424","title":{"rendered":"Wie die Maus zum Modellorganismus in der Forschung wurde"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Warum die Maus?<\/strong><br> Mit etwas \u00fcber 1,5 Mio. gez\u00fcchteter oder eingef\u00fchrter &nbsp;Versuchstiere (Tierversuchsstatistik des Bundes 2017) ist auch in der Schweiz die Maus (mus musculus) das h\u00e4ufigste Labortier in Biologie- und Medizinforschung (89,8% aller Versuchstiere). Davon werden jedoch nur etwa ein Drittel bis die H\u00e4lfte tats\u00e4chlich in Versuchen eingesetzt; \u00fcberz\u00e4hlige (falsches Geschlecht) oder solche, die den erforderlichen Kriterien nicht entsprechen, werden get\u00f6tet. W\u00e4hrend die Gesamtzahl der Versuchstiere in den letzten Jahren leicht r\u00fcckl\u00e4ufig war, so ist der Anteil der M\u00e4use gestiegen.<br> Doch warum ist die Maus das h\u00e4ufigste Versuchstier? Was macht sie so besonders geeignet? Und wie ist es \u00fcberhaupt dazu gekommen?<br> Gr\u00fcnde, die f\u00fcr die Maus als Versuchstier sprechen sind ihre geringe Gr\u00f6sse, der beschr\u00e4nkte Platzbedarf und ihre Gen\u00fcgsamkeit hinsichtlich des Futters. Sie ist ein S\u00e4ugetier, sie reproduziert sich h\u00e4ufig und schnell (die Tragzeit betr\u00e4gt 3 Wochen), sie hat eine gute Wurfgr\u00f6sse und ist f\u00fcr viele derselben Krankheiten anf\u00e4llig wie der Mensch. Die genetische \u00dcbereinstimmung der Maus mit dem Menschen liegt bei \u2248 95%.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Gr\u00fcndungsmythos<\/strong><br> Bereits im 18. Jahrhundert wurden Farbm\u00e4use von Liebhabern ingez\u00fcchtet um so Variabilit\u00e4t auszuschalten und seltene Farbschl\u00e4ge zu erhalten.<br> Die Geschichte der Labormaus hat ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten. Der Legende nach soll der sp\u00e4tere Genetiker und Krebsforscher C. C. Little bei einer seiner ersten Genetik-Veranstaltungen an der Universit\u00e4t Harvard von seinem damaligen Professor W. E. Castle eine Maus \u201ezugeschlittert\u201c bekommen haben mit dem Auftrag, alles \u00fcber sie herauszufinden, was zu einer lebenslangen Faszination f\u00fchren sollte. Als Amateur-Hundez\u00fcchter entschloss sich Little dann 1909 dazu, ingez\u00fcchtete St\u00e4mme zu entwickeln. Im Rahmen seines Doktoranden-Studiums am Harvard Bussey Institute von 1910-1914 untersuchte er die Mendelsche Vererbungslehre anhand von Farbm\u00e4usen, was zu dieser Zeit ein Novum darstellte. Die meisten Genetiker betrieben ihre Untersuchungen und Beobachtungen an der Drosophila, da diese Gattung der Taufliegen aufgrund der den M\u00e4usen gegen\u00fcber viel weniger aufw\u00e4ndigen Haltung f\u00fcr genetische Forschungen als geeigneter angesehen wurde. Andererseits sind S\u00e4ugetiere jedoch ein viel besseres Model f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Herausbildung von physiologischen Effekten als Ausdruck Mendelscher Faktoren.<br> 1914 gelangt Little zur \u00dcberzeugung, dass auch multifaktorielle Vererbung sich mit den Mendelschen Regeln erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Er stellte fest, dass seine verd\u00fcnnten, braunen non-agouti Farbm\u00e4use (dba) besonders h\u00e4ufig Brustkrebs zu entwickeln schienen. Etwa zur gleichen Zeit publizierten eine Mausliebhaberin und ein Medizinforscher unabh\u00e4ngig von ihm einen Artikel mit der Beobachtung, dass gewisse Mausst\u00e4mme \u00f6fter an Krebs zu erkranken schienen als andere.<br> Dann kommt &#8211; wie so oft bei wissenschaftlichen Fortschritten &#8211; der Zufall ins Spiel. Little f\u00e4llt durch sein Doktorexamen und um die Zeit zu \u00fcberbr\u00fccken wird er Forschungsassistent bei E. E. Tyzzer. Tyzzer arbeitet f\u00fcr die Harvard Cancer Commission und macht Versuche mit der Verpflanzung von gewissen Tumoren bei Tieren, um das Tumorwachstum zu studieren. Little nimmt seine Mauskolonien mit. \u00dcber die n\u00e4chsten Jahre entwickelt er die Idee, dass Krebs durch Faktoren, welche die Zellteilung anregen, limitieren und lenken, entsteht. Um die Vererbbarkeit der Mendelschen Faktoren zu untersuchen bedarf es grosser, gleichf\u00f6rmiger Mauspopulationen. Schon 1915 gab es Kritik an Littles Vorgehensweise: bei Menschen seien enge Verwandschaftsverh\u00e4ltnisse in der Regel selten, daher sei die erbliche Komponente vernachl\u00e4ssigbar. Maud Slye verurteilte die K\u00fcnstlichkeit von Littles Versuchsanordnung. Sie untersuchte zwar auch die erbliche Komponente von Krebs, aber bei \u201enat\u00fcrlichen\u201c (nicht durch Inzucht hergestellten) Populationen und sie verwendete traditionelle Methoden: Beobachtung, f\u00fchren von Tageb\u00fcchern f\u00fcr jede Maus, Stammbaumstudien, pathologische Untersuchung nach dem Tod. Der Nachteil ihrer Methode war die fehlende statistische Untermauerung, daf\u00fcr r\u00fcckte sie aber die Wichtigkeit vom F\u00fchren von minuti\u00f6sen Aufzeichnungen im klinischen Alltag, wie bei den Humanmedizinern \u00fcblich, in den Blickpunkt. Abgesehen von Littles Forschungen handelten die meisten bis 1925 verfassten Mausartikel nicht von ingez\u00fcchteten M\u00e4usen.<br> 1918 akzeptiert Little eine Stellung an der Station for Experimental Evolution (SEE) in Cold Spring Harbor, New York. Er bezieht auch menschliche Stammb\u00e4ume in seine Recherchen mit ein. Hier kommt er dann auch ab von seinem rein genetischen Ansatz und beginnt, Humanmediziner an Bord zu holen, indem er die Fruchtbarkeit des gegenseitigen Austausches betont.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Maus und der Krebs<\/strong><br> In den Mittzwanziger Jahren beklagten sich immer mehr Forscher \u00fcber die ungen\u00fcgende Verf\u00fcgbarkeit von ad\u00e4quatem pflanzlichen und tierischen Forschungsmaterial. Das National Research Council (nationaler Forschungsrat) berief ein Komitee f\u00fcr experimentelle Pflanzen und Tiere (CEAP) ein, und lud auch Little ein, um an einer L\u00f6sung des Problems mitzuarbeiten. Bis anhin wurden die Pflanzen und Tiere \u00fcblicherweise entsorgt, sobald ein Forscher sein Projekt beendet hatte. Es wurde vorgeschlagen, ein zentrales, nationales \u201elebendiges Archiv\u201c (repository) ins Leben zu rufen, wie es schon eins f\u00fcr Bakterien gab. Die Idee wurde allgemein mit Zustimmung aufgenommen, allerdings fragten sich einige Forscher, wer denn die Entscheidung treffen w\u00fcrde, welche St\u00e4mme als \u201eerhaltenswert\u201c angesehen w\u00fcrden, da die Anzahl ja begrenzt werden musste. (Andere Ideen waren Kooperationen zwischen verschiedenen Laboren oder Entl\u00f6hnung von Forschern, die sich bereit erkl\u00e4rten, einen Stamm zu erhalten). Obwohl f\u00fcr Humanmediziner und die Bev\u00f6lkerung die Notwendigkeit nicht so offensichtlich war, kam Little (wieder) der Zufall zu Hilfe. War 1900 Krebs noch die neunth\u00e4ufigste Todesursache gewesen, so rangierte er 1930 in den Regierungsstatistiken bereits an zweiter Stelle nach den Herzleiden. Krebs wurde zum Schreckgespenst der amerikanischen Gesellschaft und generierte viel Aufmerksamkeit. Dies zog reiche Industrielle und Philantropen aus der obersten Gesellschaftsschicht an, die nach einem noblen Zweck suchten, den sie unterst\u00fctzen konnten. 1926 gelang es Little drei Sponsoren aus der Auto- und Motorenindustrie f\u00fcr die Errichtung eines solchen Labors zu gewinnen, unter ihnen Roscoe B. Jackson. Roscoe starb, aber seine Witwe sicherte Little ihre finanzielle Unterst\u00fctzung zu unter der Bedingung, dass das Labor zu Ehren von Roscoe benannt wurde. So wurde am 7. Oktober 1929 das Roscoe B. Jackson Memorial Laboratory of Cancer Work in Bar Harbor, Maine, er\u00f6ffnet, welches Platz f\u00fcr 25&#8217;000 M\u00e4use bot. Es war eigentlich als Forschungslabor konzipiert. Am 27. Oktober 1929 erfolgte der grosse B\u00f6rsencrash und Little verlor einen Grossteil der Sponsorengelder. Um Einkommen zu generieren fing er an, M\u00e4use f\u00fcr den Forscher-Markt zu z\u00fcchten. Die Bezeichnung JAX leitet sich von der Telegramm-Adresse des Labors ab. M\u00e4use kosteten zu dieser Zeit 10 Cent plus Versandgeb\u00fchren. Little wurde das Opfer seines eigenen Erfolgs und bald war JAX eine reine Produktionsst\u00e4tte von M\u00e4usen mit kaum noch eigenen Forschungsprojekten.<br> Zwischen 1932 und 1939 verzeichnete das Labor 27 neue Mutationen und verschickte \u00fcber 170&#8217;000 M\u00e4use an andere Forschungseinrichtungen. Zugleich arbeitete Little am Image der Maus um sie von einem unwillkommenen Sch\u00e4dling in einen Soldaten im Kampf gegen den Krebs zu transformieren. Das Leiden und der Tod der M\u00e4use waren dabei ein kleiner Preis gegen den Nutzen f\u00fcr die Menschheit. Die Konzentration an einem Ort beg\u00fcnstigte auch die Standardisation.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die standardisierte Maus&nbsp; als \u201eGrundstoff\u201c f\u00fcr die Forschung<\/strong><br> 1937 markierte einen Wendepunkt: der Kongress verabschiedete die National Cancer Institute Act (NCI) und Little schlug seine Inzucht-M\u00e4use als die L\u00f6sung f\u00fcr ein experimentelles Forschungslabor vor und von da an war die Labormaus unentwirrbar mit der Krebsforschung verkn\u00fcpft. Rhetorisch verglich er seine ingez\u00fcchteten M\u00e4use mit reinen chemischen Stoffen, wie sie auch Voraussetzung f\u00fcr chemische Experimente seien. Auch die Kriegsmetapher wurde wieder aufgegriffen, diesmal in den Medien: dem Krebs wurde der Kampf angesagt und die beste Waffe im Arsenal der Forscher war die Labormaus. Die Maus wurde als akzeptabler Stellvertreter des Menschen gesehen. Bei der Verteilung ihrer Forschungsgelder legte das NCI auch Wert auf standardisiertes Forschungsmaterial und Aufgrund dieser Zusammenarbeit verdoppelte das JAX seine Produktion auf 110&#8217;000 M\u00e4use im Jahr.<br> Es gab aber auch kritische Stimmen; einer der Hauptkritik-Punkte war, dass sich die Regierung zu sehr darauf konzentrieren w\u00fcrde, nach den Ursachen von Krebs zu forschen, und zu wenig tun w\u00fcrde, um denen zu helfen, die bereits an Krebs erkrankt waren.<br> Die Bedeutung des JAX Labors wurde auf spektakul\u00e4re Weise untermauert, als die Laborgeb\u00e4ude im grossen Bar Harbor Feuer von 1947 niederbrannten und die meisten der 90&#8217;000 M\u00e4use get\u00f6tet wurden, ausser ein paar hundert, welche in einem Isolationsraum auf ihren Versand warteten. Sofort offerierten mehrere Labore den JAX Mitarbeitern und ihren M\u00e4usen Unterkunft und Arbeitspl\u00e4tze in ihren Einrichtungen. Das American Cancer Institute und das National Institute stellten Little Mittel zur Verf\u00fcgung, um sein Labor wieder aufzubauen. Ausserdem sandten landesweit Forscher aus der Biologie und Medizin unaufgefordert Zuchtpaare von M\u00e4usen, welche sie von JAX bezogen hatten, an Little zur\u00fcck. Little fand daf\u00fcr auch gleich eine religi\u00f6se Analogie: &#8222;das Brot, welches wir vor vielen Jahren ins Wasser geworfen haben, kehrt nun zu uns zur\u00fcck.&#8220; (Prediger 11.1: Lass dein Brot \u00fcber das Wasser fahren; denn du wirst es finden nach langer Zeit.)<br>So wurde die Maus zum Standard-Labortier in der Krebsforschung und dar\u00fcber hinaus zum Standard-Labortier schlechthin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum die Maus? Mit etwas \u00fcber 1,5 Mio. gez\u00fcchteter oder eingef\u00fchrter &nbsp;Versuchstiere (Tierversuchsstatistik des Bundes 2017) ist auch in der<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":425,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[100,112,113],"tags":[117,118],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/424"}],"collection":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=424"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/424\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":444,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/424\/revisions\/444"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/425"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=424"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=424"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=424"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}