{"id":38,"date":"2011-09-21T11:40:19","date_gmt":"2011-09-21T09:40:19","guid":{"rendered":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/?p=38"},"modified":"2019-01-08T23:29:37","modified_gmt":"2019-01-08T22:29:37","slug":"konigreich-der-himmel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/?p=38","title":{"rendered":"K\u00f6nigreich der Himmel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Scotts Parabel \u00fcber Glauben und Toleranz<\/strong><\/p>\n<p><strong>Nicht noch ein Sandalenfilm, mag sich so manch einer gedacht haben, nachdem die Ank\u00fcndigung zu &#8222;The Crusaders&#8220; (so der Arbeitstitel), einem in der Zeit der Kreuzz\u00fcge spielenden Historienepos, bekannt wurde. Doch obwohl Scotts Film weitgehend ohne moralisierenden Zeigefinger auskommt, de-mythologisiert er nicht nur den &#8222;gerechten Glaubenskrieg&#8220;, sondern verweist &nbsp;auch kritisch auf die gegenw\u00e4rtige Situation in Nahost.<\/strong><\/p>\n<p>Ende des 12. Jahrhunderts, irgendwo in der franz\u00f6sischen Provinz. Nachdem sein Kind gestorben ist und seine geliebte Frau aus Trauer dar\u00fcber Selbstmord begangen hat, hat Balian nicht nur seine ganze Familie, sondern auch seinen Glauben an Gott verloren. Als ein Akt der S\u00fchne entschliesst er sich, seinen biologischen Vater, Baron Godfrey von Ibelin, nach Jerusalem zu begleiten. Doch auch dort f\u00fchlt er sich Gott nicht n\u00e4her, wird jedoch alsbald in die Machtk\u00e4mpfe zwischen dem K\u00f6nig von Jerusalem und den Tempelrittern verwickelt. Als Saladin die Christen bei Hattin vernichtend schl\u00e4gt und dann auf Jerusalem zumarschiert, organisiert Balian die B\u00fcrger der heiligen Stadt und schafft es so, der Belagerung durch die Sarazenen standzuhalten und Saladin freies Geleit f\u00fcr alle B\u00fcrger abzuringen. Nach dem Fall von Jerusalem zieht Balian in seine alte Heimat zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Visuell erinnert KoH an Gladiator, doch hatte damals Kameramann John Mathieson noch alles in gleisendes Licht getaucht, welches die Hitze des Sandes erahnen liess, wird die Welt in KoH in unterk\u00fchlten Blaut\u00f6nen auf Zelluloid gebannt, welche nicht nur den franz\u00f6sischen Winter abweisend erscheinen lassen, sondern auch die W\u00fcste in eine karge, feindliche Landschaft verwandeln. Auch die Schlachtszenen sind gewaltig, \u00e0 la Gladiator, wirken aber gleichzeitig ein bisschen mechanisch und entfremdend. Die Dialoge sind im Grossen Ganzen nicht so von Pathos getr\u00e4nkt und werden von einigen ironischen Wortgefechten aufgelockert.<\/p>\n<p>Die Leistungen der Darsteller sind beeindruckend; nach seinem Auftritt als r\u00fcckgratloser Paris in &#8222;Troja&#8220; \u00fcberzeugt Orlando Bloom als integrer und zur\u00fcckhaltender Held, der auch nach seinem sozialen Aufstieg bescheiden und seinen Werten treu bleibt. Liam Neeson gibt den reuigen Vater und ritterlichen Krieger charmant. Jeremy Irons spielt die Rolle des desillusionierten Statthalters Tiberias und David Thewlis die des abgekl\u00e4rten Hospitalers; ganz und gar unkenntlich ist Multitalent Ed Norton (als Balduin IV.)<\/p>\n<p>Der Arbeitstitel des Films &#8222;The Crusaders&#8220; erinnerte wohl ein bisschen zu sehr an Bushs programmatischen &#8222;Kreuzzug gegen den Terror&#8220;, eine Wortwahl die eindeutig auf die mittelalterliche Kreuzz\u00fcge verweist und so die gegenw\u00e4rtige US-Politik zu legitimieren versucht. Nicht zu Unrecht wurde diese Referenz von der Welt\u00f6ffentlichkeit scharf kritisiert, denn Bushs Krieg hat genauso wenig mit Gerechtigkeit zu tun wie die Kreuzz\u00fcge damals. Obwohl den Kreuzz\u00fcglern wohl nicht jegliche religi\u00f6se Motivation abzusprechen ist, standen wahrscheinlich weltliche \u00dcberlegungen im Vordergrund. Nach mittelalterlichen Recht erbte jeweils der \u00e4lteste Sohn alles, w\u00e4hrend die j\u00fcngeren S\u00f6hne leer ausgingen. Somit stellte f\u00fcr viele das Heilige Land eine M\u00f6glichkeit dar, zu eigenen L\u00e4ndereien und Geld zu kommen und so seine Stellung zu verbessern. Scott betont dieses Element im Film mehrmals; nicht nur ist dies das Argument, mit welchem Godfrey seinen Sohn zu \u00fcberzeugen versucht, ihn zu begleiten, sondern auch die portr\u00e4tierten Kreuzritter lassen sich von politischem Machtstreben und dem Verlangen nach pers\u00f6nlicher Bereicherung leiten. \u00dcberhaupt werden Christen, vor allem die Vertreter der Kirche, im Film durchwegs negativ portr\u00e4tiert. Der Dorfpriester weidet sich am Schmerz Balians \u00fcber den Tod seiner Frau und qu\u00e4lt ihn damit, dass ihr, da sie durch die eigene Hand gestorben ist,&nbsp; der Zutritt zum Himmelreich f\u00fcr immer verwehrt sei. Auch der Bischof von Jerusalem wird als gar nicht christlich handelnder Feigling dargestellt, der, als er vom Anr\u00fccken von Saladins Heer h\u00f6rt, nur darauf bedacht ist, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen. Sein Rat, &#8222;zum Islam zu konvertieren und sp\u00e4ter zu bereuen&#8220;, ist zwar pragmatisch, aber nicht gerade glaubenskonform.<br \/>\nDie muslimischen Protagonisten werden jedoch, mit einer Ausnahme, durchwegs positiv portr\u00e4tiert. Firuz verschont das Leben von Balian beim Angriff auf Chatillon de Reynalds Festung, wie auch Balian zuvor sein Leben verschont hatte. Nach dem Fall von Jerusalem gibt er dem nun mittellosen Balian auch sein Pferd zur\u00fcck, und zwar mit einer Geste, die Balian erlaubt, sein Gesicht zu waren. Der oberste Heerf\u00fchrer der Sarazenen, Saladin, wird als besonnener und eigentlich friedliebender F\u00fcrst dargestellt, der nur widerwillig in den Krieg zieht und auch seinen Feinden gegen\u00fcber aufrichtig ist. Bezeichnenderweise verzichtet Scott darauf, zu zeigen, dass die christlichen Soldaten nach der Niederlage von Hattin von den Sarazenen historischen Quellen zufolge gefoltert wurden. Ausserdem soll Saladin f\u00fcr jeden Christen, den er aus Jerusalem ziehen liess, einen gewissen Geldbetrag verlangt haben.<\/p>\n<p>Scott gelingt es, ein sehr differenziertes Bild von den Kreuzz\u00fcgen und den daraus resultierenden kulturellen Ber\u00fchrungen zu zeichnen. Der Bezug zum ungel\u00f6sten Nahost-Konflikt wird nicht nur explizit durch den Verweis am Schluss hergestellt, sondern die M\u00f6glichkeit eines friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Religionen wird auch w\u00e4hrend des Films mehrmals thematisiert, z.B. in Balians Rede an alle B\u00fcrger zur Verteidigung der Stadt Jerusalem. Die Formel &#8222;es waren ja unsere Vorfahren, die euch das Land weggenommen haben, wir hatten damit nichts zu tun, warum bekriegen wir uns also noch&#8220; erscheint jedoch reichlich naiv.<\/p>\n<p>Am Schluss erteilt Scott dem Kreuzzugsgedanken eine definitive Absage; nachdem Balian wieder in sein Dorf zur\u00fcck gekehrt ist, kommt Richard L\u00f6wenherz (er war einer der F\u00fchrer des 3. Kreuzzuges zur Befreiung Jerusalems) vorbei und fragt nach dem Verteidiger von Jerusalem; doch Balian sagt selbst, als der K\u00f6nig insistiert, ob er denn nicht wisse, wo der Baron von Ibelin zu finden sei, &#8222;ich bin nur der Schmied&#8220;.<\/p>\n<p>Die Probleme in Nahost mag dieser Film nicht zu l\u00f6sen; er ist jedoch ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Toleranz gegen\u00fcber Andersgl\u00e4ubigen wie auch daf\u00fcr, eine Person nicht nach ihrem Glauben, sondern nach ihren Taten zu beurteilen. Fazit: In der Reihe der &#8222;neuen&#8220; historisch-mythischen Epen (eingel\u00e4utet durch &#8222;Gladiator&#8220;) sicher nicht der spektakul\u00e4rste Film, aber daf\u00fcr der mit am meisten Tiefgang.<\/p>\n<p>Originaltitel: Kingdom of Heaven(USA, Marokko 2005)<br \/>\nRegie: Ridley Scott<br \/>\nDarsteller: Orlando Bloom, Eva Green, Liam Neeson, Jeremy Irons, Ghassan Massoud, Brendan Gleeson, Marton Csokas, David Thewlis, Edward Norton<br \/>\nDauer: 144 min.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Scotts Parabel \u00fcber Glauben und Toleranz Nicht noch ein Sandalenfilm, mag sich so manch einer gedacht haben, nachdem die Ank\u00fcndigung<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":385,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,3,9],"tags":[28,17,15,18,16],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38"}],"collection":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=38"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":392,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38\/revisions\/392"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/385"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=38"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=38"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=38"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}