{"id":26,"date":"2011-09-21T10:56:59","date_gmt":"2011-09-21T10:56:59","guid":{"rendered":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/?p=26"},"modified":"2019-01-08T04:00:09","modified_gmt":"2019-01-08T03:00:09","slug":"manderlay","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/?p=26","title":{"rendered":"Manderlay"},"content":{"rendered":"<p><strong>&nbsp;&#8222;Fall from Grace&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der zweite Teil von Lars von Triers &#8222;Das B\u00f6se in Amerika&#8220; Trilogie thematisiert nicht nur die immer noch nicht vollst\u00e4ndig aufgearbeitete Versklavung der Schwarzen in Amerika und ihre Folgen bis in unsere Gegenwart, sondern ist zugleich eine ironisch bissige Kritik an Amerikas gegenw\u00e4rtiger naiver und desastr\u00f6ser Hegemonialpolitik.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Titel<br \/>\n<\/strong>Die belesene Kinog\u00e4ngerin denkt nat\u00fcrlich sofort an Maxim de Winters Familienanwesen aus Daphne Du Mauriers &#8222;Gothic&#8220; Roman &#8222;Rebecca&#8220; und Hitchcocks gleichnamige Verfilmung desselben Stoffs, steht doch auch dort eine b\u00f6se Frauenfigur und ihr Geheimnis im Mittelpunkt, welches das Anwesen und alle, die darauf leben noch weit \u00fcber ihren Tod hinaus pr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>Synopsis<br \/>\n<\/strong>Nach den Ereignissen in Dogville machen sich Grace und ihr Vater auf den Weg in den S\u00fcden, als sie eines Abends an einer Plantage namens Manderlay vorbeikommen (situiert im Staate Alabama, wo 1955 die schwarze B\u00fcrgerrechtsbewegung mit dem Bus Boykott in Montgomery ihren Anfang nahm). Mit Entsetzen muss Grace feststellen, dass man sich dort gerade daran macht, einen Sklaven auszupeitschen, und das 70 Jahre nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei in Amerika&nbsp; (1865 unter Lincoln durch den 13. Verfassungszusatz). Entgegen der Warnungen ihres Vaters entschliesst sich Grace, einzuschreiten und die Sklaven von ihrem &#8222;Joch&#8220; zu befreien. Doch damit nicht genug, die Sklaven sollen auch &#8222;demokratisiert&#8220; werden, n\u00f6tigenfalls mit Gewalt.<\/p>\n<p><strong>Formal<br \/>\n<\/strong>Nach Dogville waren die Erwartungen an den zweiten Teil von Lars von Triers USA-Trilogie sehr hoch, und die Kritiker bezweifelten, ob sie denn erf\u00fcllt werden k\u00f6nnten. Obwohl formal sehr \u00e4hnlich wie Dogville mit der brechtschen Reduzierung des Sets, entwickelt Manderlay doch eine ganz eigene Sprache. Durch den durchdachten Einsatz von Licht und Schatten, Ger\u00e4uschen, Requisiten und Sandst\u00fcrmen wirkt er atmosph\u00e4rischer und &#8222;realistischer&#8220;. Ob er weniger radikal und gnadenlos ist als Dogville, dar\u00fcber mag man geteilter Meinung sein, doch er ist auf jeden Fall ironischer; eigentlich eine Satire oder wie anders ist es zu verstehen, wenn Grace, die so lautstark gegen die Sklaverei eintritt, mit ihrem Vater um seine Schl\u00e4ger feilscht, als w\u00e4ren sie Vieh und h\u00e4tten keine eigenen W\u00fcnsche, Tr\u00e4ume, Pl\u00e4ne.<\/p>\n<p><strong>Othello und Stereotypen<br \/>\n<\/strong>Ausser Danny Glover (der Mehrheit bekannt als &#8222;I am too old for this shit&#8220; Partner von Mel Gibson in der Lethal Weapon Reihe) hat sich kein schwarzer amerikanischer Schauspieler getraut, in Manderlay mitzuspielen; die meisten aus Furcht vor Repressalien wegen der anti-amerikanischen Haltung des Films. Doch auch aus andern Gr\u00fcnden sind die schwarzen Rollen in diesem Film nicht unproblematisch, bedient doch von Trier die meisten schwarzen Stereotypen, den d\u00fcmmlichen Schwarzen, &#8222;Onkel Tom&#8220; (Wilhelm), die gewaltt\u00e4tige Schwarze, die ihre Kinder schl\u00e4gt und den edlen Wilden\/Schwarzen (Timothy), eine Figur, die momentan in unseren Kinos in der Verfilmung von Corinne Hofmanns Roman &#8222;Die Weisse Massai&#8220; Furore macht, zugleich geht es auch um die Beziehung zwischen einer weissen Frau und einem schwarzen Mann, welches von Trier sehr plastisch und effektvoll mit Anlehnung an Shakespeare (das Taschentuch und die ganze Inszenierung im Bett) in Szene setzt. Obwohl sich Grace ob der Einteilung der Sklaven auf Manderlay in verschiedene Typen angewidert zeigt, wird auch sie von solchen vorgefassten Vorstellungen geleitet, wie sonst l\u00e4sst sich ihr Wutausbruch erkl\u00e4ren, als sie entdeckt, dass Timothy nicht ein Gruppe 1 sondern ein Gruppe 7 Sklave ist? Timothy ist eine der eindr\u00fccklichsten Figuren, mit denen Lars von Trier unsere Vorurteile unterl\u00e4uft.<\/p>\n<p><strong>Grace (und Bush)<br \/>\n<\/strong>War die Figur von Grace in Dogville noch ambivalent angelegt, so ist sie in Manderlay eine ganz und gar schreckliche Person, die in ihren naiven Ignoranz Furchtbares anrichtet. Man h\u00e4tte meinen m\u00f6gen, sie h\u00e4tte aus ihren Erfahrungen in Dogville gelernt, doch wirkt sie, vielleicht auch bedingt durch Ersetzung von Nicole Kidman durch die Newcomerin Bryce Dallas Howard eher unreifer; doch geht diese \u00fcbereifrige Naivit\u00e4t gut mit der Rolle einher. Obwohl sie immer nur das (ihrer Meinung nach) Beste will, wendet sich alles zum Schlechten und all ihre Aktionen haben weitreichende und unabsehbare Folgen. In einem Interview betont Lars von Trier die Parallelen zwischen Grace und George Bush, doch meine ich, von Trier tut Bush unrecht, wenn er tats\u00e4chlich an die Aufrichtigkeit seiner Motive glaubt, auch wenn er seine (politische) Ignoranz nicht in Frage stellt. Wenn man die Irak-Parallele weiterverfolgt, so entdeckt man auch da erstaunliche \u00c4hnlichkeiten zwischen dem professionellen Spieler (amerikanische \u00d6l- und Baufirmen), der durch Betrug den frisch befreiten Sklaven ihren Lohn abschwindelt und diesen dann mit den zu Arbeitgebern (USA Regierung) gewordenen Sklavenhaltern teilt. Das erinnert irgendwie schon daran, wie das Geld aus irakischem \u00d6l in die Taschen von Funktion\u00e4ren der Bush-Regierung fliesst.<\/p>\n<p>Auch Bushs ungebremstem und offen deklarierten Drang amerikanische Werte in die ganze Welt zu exportieren, kommt Grace nach. Grace veranstaltet Lektionen, in welchen sie versucht, den ehemaligen Sklaven demokratische Ideale zu vermitteln. Auch dadurch das dies nur mittels Waffengewalt zu bewerkstelligen ist, l\u00e4sst sie sich nicht davon abbringen.<\/p>\n<p>Das Ende ist zwar nicht blutig, daf\u00fcr aber \u00e4usserst ironisch und es macht auf eindr\u00fcckliche Weise klar, dass sich Demokratie nicht erzwingen l\u00e4sst. Ein vielschichtiger Film, der auf subtile Art und Weise Hegemonialkritik betreibt; so subtil, dass wenn Bush den Film sehen w\u00fcrde, er sich wahrscheinlich nicht mal angegriffen f\u00fchlen w\u00fcrde<\/p>\n<p>Originaltitel: Manderlay (D\u00e4nemark 2005)<\/p>\n<p>Regie: Lars von Trier<br \/>\nDarsteller: Bryce Dallas Howard, Willem Dafoe, Danny Glover, Lauren Bacall, Isaach de Bankol\u00e9, John Hurt, Clo\u00eb Sevigny<\/p>\n<p>Dauer: 139 min.<br \/>\nCH-Verleih: Path\u00e9<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.manderlaythefilm.com\/\">http:\/\/www.manderlaythefilm.com\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&#8222;Fall from Grace&#8220; Der zweite Teil von Lars von Triers &#8222;Das B\u00f6se in Amerika&#8220; Trilogie thematisiert nicht nur die immer<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":372,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,3,11],"tags":[21,19,20,30,22],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26"}],"collection":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":373,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26\/revisions\/373"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/372"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}