{"id":102,"date":"2011-09-22T12:18:43","date_gmt":"2011-09-22T10:18:43","guid":{"rendered":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/?p=102"},"modified":"2019-01-12T22:48:02","modified_gmt":"2019-01-12T21:48:02","slug":"scotts-robin-hood-dekonstruktion-einer-legende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tonkinese.ch\/mowe\/?p=102","title":{"rendered":"Scotts Robin Hood: Dekonstruktion einer Legende"},"content":{"rendered":"<p><strong>(Filmanalyse zusammen mit Isabelle Dubach)<\/strong><\/p>\n<p>Beim Publikum wie auch den Kritikern war die Rezeption des Filmes durchwachsen. Das lag nicht zuletzt daran, dass Erwartungen an den Film, welche durch eine lange Tradition literarischer und&nbsp; filmischer Bearbeitungen des Stoffes unweigerlich im kollektiven Ged\u00e4chtnis verankert sind, entt\u00e4uscht wurden. Gerade Elemente, welche den Robin Hood-Mythos bisher charakterisierten, wie das kom\u00f6diantische Element, die Beziehung Robins zu seinen Weggef\u00e4hrten oder die Natur als freundliche und Schutz gebietende Umgebung waren nur rudiment\u00e4r vorhanden oder fehlten g\u00e4nzlich. Statt unbeschwert und abenteuerlustig, kommt der Film \u00fcberladen und schwerf\u00e4llig (A. O. Scott, <a href=\"http:\/\/movies.nytimes.com\/2010\/05\/14\/movies\/14robin.html\">http:\/\/movies.nytimes.com\/2010\/05\/14\/movies\/14robin.html<\/a>, aufgerufen 28.07.2011) daher.<\/p>\n<p>Im Vorfeld wurde Scotts Robin Hood als &#8222;origin story&#8220;, also als Herkunfts-Geschichte propagiert, die den Mann hinter der Legende zeigt. Warum das im Einzelnen nicht funktionieren kann, werden wir im Folgenden noch darlegen; nur soviel schon vorweg: es gilt als erwiesen, dass sich f\u00fcr Robin Hood keine historische Vorlage finden l\u00e4sst, die fr\u00fchesten schriftlichen Quellen sind Balladen-Sammlungen. Robin Hood war demnach immer schon eine Legende, und jeder Versuch, die Legende zu demontieren, kann eigentlich nur scheitern.<\/p>\n<p><strong>Produktionsbedingungen<br \/>\n<\/strong>Erste Schwierigkeiten zeichneten sich schon bei der Entstehungsgeschichte des Filmes ab. Alles fing an mit dem Originalscript zweier junger Drehbuchautoren, Ethan Reiff and Cyrus Voris. Dieses Script mit dem Titel Nottingham sollte die Legende von Robin Hood aus einem neuen Blickwinkel beleuchten. Was w\u00e4re, wenn der Sheriff eigentlich gar nicht der B\u00f6se gewesen w\u00e4re, als der er immer dargestellt worden ist, sondern ein aufrichtiger Gesetzesh\u00fcter, der versuchte, dem ungesetzlichen Treiben Robins Einhalt zu gebieten? Das Script war eine lange Zeit &#8211; 4 Tage &#8211; erfolglos auf dem Markt in Hollywood, bis es zuf\u00e4llig in die H\u00e4nde von Russell Crowe fiel, der sich in der Rolle des Sheriffs sah. Crowe holte dann Ridley Scott an Bord, mit dem zusammen er schon mehrere erfolgreiche Projekte realisiert hatte (<em>Gladiator, A Good Year, American Gangster<\/em>). Pl\u00f6tzlich jedoch fanden Scott und Crowe diese Fokussierung auf den Sheriff nicht mehr so \u00fcberzeugend und heuerten Brian Helgeland (<em>A Knight&#8217;s Tale<\/em>) \u2013 \u00fcber die K\u00f6pfe der urspr\u00fcnglichen Drehbuchautoren \u2013 an, um das Script komplett umzuschreiben, so dass wieder Robin der Gute und der Sheriff der B\u00f6se war. Scott war immer noch unzufrieden mit dem Drehbuch und durch weitere Autoren und Umschreibungen wurden die Beziehung zwischen Crowe und Scott auf eine harte Probe gestellt. Als Folge der vielen Umschreibungen und Revisionen schien Robin Hood nun an einer multiplen Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung zu leiden, so dass der ber\u00fchmte Theaterautor Tom Stoppard (<em>Rosenkrantz and Guildenstern Are Dead, Shakespeare in Love<\/em>) als Script-Doktor verpflichtet wurde, um den Dialog aufzupeppen, w\u00e4hrend die Aufnahmen zum Film bereits begonnen hatten. Einschliesslich der $1 Mio. f\u00fcr das Originaldrehbuch soll Universal insgesamt $6.7 Mio. ausgegeben haben, um genau die entgegen gesetzte Version des urspr\u00fcnglich geplanten Films zu produzieren. Kein Wunder also wirkt die Geschichte streckenweise schwerf\u00e4llig und die Dialoge h\u00f6lzern (f\u00fcr ein ausf\u00fchrliche Analyse der Entstehungsgeschichte des Films siehe Claude Brodesser-Akner: Vulture Exclusive: How <em>Robin Hood<\/em> Nearly Destroyed the Russell-Ridley Relationship, <a href=\"http:\/\/nymag.com\/daily\/entertainment\/2010\/05\/robin_hood_script_russell_crow.html\">http:\/\/nymag.com\/daily\/entertainment\/2010\/05\/robin_hood_script_russell_crow.html<\/a>, aufgerufen 28.07.2011).<\/p>\n<p>In der Tat ist die Rolle des Sheriffs auf ein paar kleine Szenen reduziert, wo er als unsympathischer Opportunist dargestellt wird, der die Notlage Marions ausnutzen will. Gerade weil der Sheriff in vielen Filmen als der Hauptantagonist von Robin fungiert, mag man sich fragen, warum er gerade in dieser Produktion eine so untergeordnete Rolle spielt. Ruft man sich aber Alan Rickmans Sheriff aus <em>Prince of Thieves<\/em> in Erinnerung, wo seine Figur die Robins, gespielt von Kevin Costner, in den Schatten zu stellen drohte, so dass seine Rolle nach einer ersten Probevorf\u00fchrung und der Reaktion des Publikums noch nachtr\u00e4glich gek\u00fcrzt wurde, kann man sich vorstellen, dass Russell Crowe ein \u00e4hnliches Schicksal vermeiden wollte..<\/p>\n<p><strong>Beziehung zu andern Filmen<br \/>\n<\/strong>Seit Allan Dwans <em>Robin Hood<\/em> (1922) wird Robin Hood entgegen der fr\u00fchen literarischen Tradition, wo Robin Hood ein &#8222;yeoman&#8220; (etwa &#8222;Freibauer&#8220;) ist, als Adeliger\/Baron dargestellt, der durch ein einschneidendes Erlebnis und pers\u00f6nliche L\u00e4uterung zum R\u00e4cher der Unterdr\u00fcckten und Verfolgten wird und fortan f\u00fcr die Gerechtigkeit k\u00e4mpft. Diese Wandlung vom unbeteiligten Aristokraten zum involvierten Freiheitsk\u00e4mpfer vollzieht sich \u00fcblicherweise im ersten Drittel des Filmes. In Scotts Version wird Robin erst ganz am Ende als vogelfrei erkl\u00e4rt und der Film handelt vom Werdegang Robins vom Bogensch\u00fctzen im Dienste des K\u00f6nigs zum ritterlichen K\u00e4mpfer mit demokratischen Idealen. Scott erhebt den Anspruch, wenn nicht die wahre Geschichte des Robin Hood zu erz\u00e4hlen, so doch immerhin eine Geschichte, die so historisch plausibel w\u00e4re und die sich dadurch von den vorherigen Filmen abhebt. Dies wird jedoch nicht eingel\u00f6st, da Scotts Film nicht nur von den verschiedensten Filmzitaten durchsetzt scheint, sondern sich stellenweise extrem stark an Lesters Robin und Marian von 1976 orientiert. In dieser Version kehrt Robin Hood nach 20 Jahren im Dienste eines wankelm\u00fctigen und unzurechenbaren Richard L\u00f6wenherz als desillusionierter und alternder Kreuzritter (gespielt von Sean Connery) aus dem Heiligen Land zur\u00fcck, in einen Wald, der ihm fremd geworden ist, und zu einer Liebe (gespielt von Audrey Hepburn), die sich ins Kloster zur\u00fcck gezogen hat. Zusammen mit seinem treuen Weggef\u00e4hrten Little John bemerkt er, dass die Legenden, die \u00fcber ihre Taten erz\u00e4hlt werden, sich so gar nie zugetragen haben, und dass sie im Prinzip, jetzt, da sie keine jungen, tollk\u00fchnen Helden mehr sind, obsolet geworden sind. Der einzige, der noch der alte geblieben ist, ist der Sheriff und so flammt auch das Katz- und Mausspiel zwischen den beiden wieder auf, was schlussendlich in einem t\u00f6dlichen Duell endet. Als erstes entwarf Lester nicht nur ein negatives Bild von Richard L\u00f6wenherz, sondern betrieb auch die De-Mythologisierung von Robin Hood und zeichnete ein d\u00fcsteres Bild vom Kriegsheimkehrer, der seinen Platz in der Gesellschaft nicht mehr findet.<br \/>\nObwohl Scotts Robin Hood einen ganz anderen Zeitabschnitt aus Robins Leben beleuchtet, n\u00e4mlich bevor er zum gefeierten Outlaw wurde, so tauchen gewisse Schl\u00fcsselelemente \u00fcberraschend unver\u00e4ndert auf. So beginnen beide Filme mit der sinnlosen Belagerung der franz\u00f6sischen Burg Ch\u00e2lus-Chabrol, wobei K\u00f6nig Richard von einem verirrten Pfeil getroffen wird. In Scotts Version tritt Richards Tod aus dramaturgischen Gr\u00fcnden ziemlich bald ein, in Wirklichkeit starb Richard 11 Tage sp\u00e4ter an Wundbrand. Lester inszeniert die Belagerung gewollt karg und reduziert, w\u00e4hrend Scott die St\u00fcrmung der Burg in gewohnter Weise hyperrealistisch und kraftvoll in Szene setzt. Auch die Referenz an Richards Massaker an den gefangenen Sarazenen nach dem Fall von Acre wird erstmals bei Lester thematisiert und wird von Scott dazu eingesetzt, in der ersten Begegnung zwischen Robin und K\u00f6nig Richard seinen sprunghaften Charakter zu entbl\u00f6ssen.<br \/>\nDie Charakterisierung Prinz Johns als hedonistischer Lebemann, der sich lieber mit seiner franz\u00f6sischen M\u00e4tresse vergn\u00fcgt, statt sich um die Staatsgesch\u00e4fte zu k\u00fcmmern und der auch von Kriegsf\u00fchrung kaum Ahnung hat, ist in Lesters Version schon so angelegt.<br \/>\nNebst den klar identifizierbaren Zitaten aus fr\u00fcheren Robin Hood Filmen bedient sich Scott zahlreicher Motive aus Werken, die nichts mit Robin Hood zu tun haben. Die Landung der franz\u00f6sischen Invasionstruppen bei Dungeness erinnert an nichts so sehr wie an die Invasion der Alliierten bei D\u00fcnkirchen in <em>Saving Private Ryan<\/em>. Selbst der daraufhin entbrennende Kampf scheint in der Art Umsetzung \u2013 wackelige Handkamera mitten im Schlachtenget\u00fcmmel mit schnellen Schnitten \u2013 auf unheimliche Art vertraut, obwohl nat\u00fcrlich mit andern Waffen gek\u00e4mpft wird. Wenn jedoch Cate Blanchett in ihrer gl\u00e4nzenden R\u00fcstung in den Kampf eingreift, scheint es fast so, als sei sie direkt vom Set von <em>Elizabeth: The Golden Age<\/em> her\u00fcber geritten, wobei nat\u00fcrlich beide Figuren, Maid Marion wie auch K\u00f6nigin Elizabeth, ikonisch auf Jeanne d&#8217;Arc rekurrieren.<br \/>\nKlassisch auch die Heimkehr als &#8222;falscher&#8220; Ehemann und Sohn, auf die wir in der Beschreibung der Figur des Robin Hood, noch n\u00e4her eingehen werden, die dem gebildeten Publikum aus <em>Le Retour de Martin Guerre<\/em> bekannt ist. Mit allen diesen Anspielungen und Zitaten aus anderen Filmen aktiviert Scott beim Zuschauer schon Bekanntes und Vertrautes; zugleich werden dadurch auch Bedeutungen mitgetragen. Die Darstellung Marions als Jeanne d&#8217;Arc evoziert ein Frauenbild \u2013 stark, unabh\u00e4ngig und selbst bestimmt \u2013 welches wir gemeinhin nicht unbedingt mit dem Mittelalter in Verbindung bringen.<\/p>\n<p><strong>Charakterisierung der Figur<br \/>\n<\/strong>Seit <em>The Adventures of Robin Hood<\/em> muss sich wohl jeder Schauspieler an der Leistung Errol Flynns messen lassen. Flynns Darstellung war unbek\u00fcmmert und jugendlich athletisch. Er war zwar ein Adliger, gab sich aber sehr volksnah und war dem h\u00f6fischen Pomp und Zeremoniell gegen\u00fcber respektlos. Sowohl in voran gegangenen wie auch in sp\u00e4teren Filmen war Robin Hood jeweils von adeliger Herkunft, der durch die Umst\u00e4nde dazu kam, ein Leben als Vogelfreier zu f\u00fchren. In dieser Beziehung bricht Scott mit der Tradition, bei ihm ist &#8222;Robin Hood&#8220; Robin Longstride, ein Langbogensch\u00fctze im Heer K\u00f6nig Richard I. und somit, in \u00dcbereinstimmung mit den fr\u00fchesten literarischen \u00dcberlieferungen, ein Mann des Volkes. Die Wahl von Russell Crowe (er ist \u00fcbrigens gleich alt wie Sean Connery, als der Robin Hood spielte) wurde immer wieder kritisiert &#8211; warum, ist schnell augenf\u00e4llig: Scotts Robin Hood hat wohl die Lebenserwartung der Zeit um einiges \u00fcberschritten und wirkt oft deplatziert. Cate Blanchett hingegen wurde mehrheitlich positiv beurteilt.<br \/>\nNach dem unr\u00fchmlichen Ende des K\u00f6nigs entschliesst sich Robin, mit einigen Gef\u00e4hrten auf schnellstm\u00f6glichem Wege nach England zur\u00fcckzukehren. Auf dem Weg zur K\u00fcste treffen sie auf einen sterbenden Ritter, Sir Robert Loxley, der Robin bittet, sein Schwert seinem Vater zur\u00fcck zu bringen, da sie im Streit auseinander gegangen waren. Problemlos schl\u00fcpft Robin daraufhin in die Rolle des Ritters und liefert die k\u00f6nigliche Krone in London ab, bevor er sich aufmacht nach Nottingham, um sein Versprechen einzul\u00f6sen. Dort trifft er auf die nicht mehr ganz taufrische Marion und ihren erblindeten Schwiegervater. Da Marion aufgrund des englischen Erbrechts nach dem Tod ihres Schwiegervaters als Witwe keinerlei Anspruch auf Titel und Anwesen h\u00e4tte, bittet Lord Loxley Robin kurzerhand in die Rolle seines Sohnes zu schl\u00fcpfen. Robin erkl\u00e4rt sich einverstanden und k\u00fcmmert sich in der Folge um die Belange seiner P\u00e4chter. Dabei geht er soweit, f\u00fcr den Bischof bestimmtes Saatkorn zu rauben; dies ist jedoch fast die einzigste Tat, die an herk\u00f6mmliche Vorstellungen von Robin Hood, der die Reichen beraubt und die Armen beschenkt, erinnert. Im weiteren Verlauf stellt sich dann heraus, dass Robin Longstride der lange verloren geglaubte Sohn eines bei einem Aufstand get\u00f6teten Baumeisters ist und als solches das Versteck der Magna Charta kennt.<br \/>\nDer Ansatz, Robin Hood entgegen der filmischen Tradition als einen Mann des gew\u00f6hnlichen Volkes darzustellen, der erfolgreich als Ritter \u2013 also eine Person eines h\u00f6heren Standes \u2013 durchgeht, erscheint auf den ersten Blick spannend, besonders da die popul\u00e4re Vorstellung gepr\u00e4gt ist vom Mittelalter als einer Zeit, wo die Standesschranken nicht so einfach zu \u00fcberwinden waren. Leider wird aber die Ambivalenz von &#8222;Herkunft aus dem Volk&#8220; und der F\u00e4higkeit, als Ritter durchzugehen, nicht weiter ausgelotet. Im Gegenteil, von dem Augenblick an, wo Robin Loxleys Schwert \u00fcbernimmt, wird er zum Ritter, mit allen vorgestellten innewohnenden Tugenden und er weiss sich auch als solcher zu verhalten. Dies ist insofern problematisch, als dadurch die sozialen Grenzen nicht hinterfragt werden, sondern durch die erfolgreiche Integration in eine h\u00f6here Schicht best\u00e4tigt und perpetuiert werden. Durch die nachtr\u00e4glich nobilitierende Geburt \u2013 er ist der Sohn eines angesehenen Baumeisters, der zugleich ein enger Freund des Marschalls war (eines der h\u00f6chsten k\u00f6niglichen Hof\u00e4mter, bezeichnet es im Mittelalter den Oberbefehlshaber \u00fcber das Heer) \u2013 wird die noble Herkunft betont. Robin Hood ist demnach auch bei Scott nicht ein Mann aus dem Volk, sondern geh\u00f6rt, wenn schon nicht dem Adel, dann immerhin einer privilegierten Gesellschaftsschicht an.<br \/>\nDie Verbindung Robins mit der Magna Charta ist historisch gesehen unwahrscheinlich, liegen doch zwischen dem Tod Richard L\u00f6wenherz&#8216; und der Abfassung der Magna Charta \u00fcber 16 Jahre. Im Rahmen k\u00fcnstlerischer Freiheit w\u00e4re dies sogar noch verzeihlich, doch obwohl die Magna Charta als Grundlage der englischen Verfassung gilt, war sie nicht in erster Linie ein Dokument, das allen B\u00fcrgern Englands die gleichen Rechte garantierte, sondern es st\u00e4rkte vor allem die Privilegien des Adels und limitierte die Macht des K\u00f6nigs.<br \/>\nScotts Robin k\u00e4mpft also weniger f\u00fcr ein neuzeitliches demokratisches Ideal, sondern stellt sich auf die Seite des Adels, der seine Position gegen\u00fcber der Willk\u00fcr des K\u00f6nigs zu st\u00e4rken versucht. Somit ist er gar nicht so weit von Curtiz&#8216; Robin entfernt, der auch nicht danach strebt, ein ungerechtes gesellschaftliches System zu ver\u00e4ndern, sondern der die ungerechte Herrschaft eines schlechten K\u00f6nigs durch die gerechte Herrschaft eines rechtschaffenen K\u00f6nigs ersetzen will.<\/p>\n<p><strong>Mittelalterbild<br \/>\n<\/strong>Welches die Zeichen sind, mit welchen &#8222;Mittelalter&#8220; beim Zuschauer evoziert wird, haben auf eindr\u00fcckliche Weise Monty Python in <em>Monty Python and the Holy Grail<\/em> demonstriert. Ein karges, d\u00fcsteres Gem\u00e4uer, entsprechende Kleidung, Ritter, arme Bauern, Aberglaube, Gewalt und Dreck. Dass einige dieser Ph\u00e4nomene wenig bis nichts mit dem Mittelalter zu tun haben \u2013 so ist zum Beispiel die Hexenverfolgung eine neuzeitliche Erscheinung \u2013 spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Vielmehr spiegeln diese &#8222;Mittelalter-Zeichen&#8220; die zeitgen\u00f6ssische Vorstellung von dem wieder, was zu einer bestimmten Zeit mit Mittelalter assoziiert wird. Eindr\u00fccklich in diesem Zusammenhang die unglaublich bunten und farbenpr\u00e4chtigen Kleider und die Vorstellung einer gr\u00fcnen und geordneten Natur in Curtiz&#8216; Film von 1938 die in ziemlich starken Kontrast zu neueren Mittelalter-Filmen stehen, wo die Atmosph\u00e4re d\u00fcster und die Farben ged\u00e4mpft sind.<br \/>\nScharff (Thomas Scharff: &#8222;Wann wird es richtig mittelalterlich?&#8220; in: Mischa Meier \/ Simona Slani\u010dka (Hg.), Antike und Mittelalter im Film. K\u00f6ln 2007.) argumentiert, dass in neueren Filmen, die in dieser Epoche angesiedelt sind, es vor allem zwei &#8222;Chiffren&#8220; sind, die Mittelalter suggerieren. Einerseits ist dies &#8222;Gewalt&#8220; und zwar &#8222;unmittelbare, physische Gewalt&#8220; (Scharff, S. 73), der der mittelalterliche Mensch jederzeit und \u00fcberall ausgesetzt sein kann. So zum Beispiel als Little John beim Gl\u00fccksspiel im Lager gegen Robin verliert und ihn des Betrugs bezichtigt und das ganze in einer Massenschl\u00e4gerei endet oder wo der Sheriff Marion abpasst und sie nicht nur mit Worten bedroht, sondern auch handgreiflich zu werden droht. Scharff r\u00e4umt ein, dass Gewaltdarstellungen durchaus auch in vielen in der Gegenwart spielenden Filmen thematisiert werden, aber dass sie auch dort mittelalterlich konnotiert sind. So k\u00fcndigt in Tarantinos <em>Pulp Fiction<\/em> ein Gangsterboss einen gewaltsamen \u00dcbergriff mit folgenden Worten an: &#8222;I&#8217;m gonna git Medieval on your ass!&#8220; (Scharff, S. 73) Dieser Ausspruch macht nur Sinn, wenn die Zuschauer ihn auch als Anspielung auf die Vorstellung vom Mittelalter als einer Zeit ungez\u00fcgelter Brutalit\u00e4t verstehen.<br \/>\nAls zweites unverkennbares Merkmal f\u00fchrt Scharff den &#8222;Dreck&#8220; an. W\u00e4hrend laut ihm in den Vorkriegsjahren und auch in den unmittelbaren Nachkriegsjahren noch &#8222;Hochglanz-Ritter&#8220; (Scharff, S. 77) durch die bunte Farbenpracht der Technicolor-Filme stapften, begann sich in den 60er Jahren ein Wandel im Mittelalterfilm zu vollziehen. Dabei fungiert &#8222;Dreck&#8220; als ein Zeichen von Authentizit\u00e4t. Gerade wenn man die Robin Hood Versionen von Curtiz (1938)&nbsp; und Lester (1976) nebeneinander stellt, wird dies sehr augenf\u00e4llig. Auch Scott setzt &#8222;Dreck&#8220; als Zeichen ein, besonders markant bei der Belagerung der franz\u00f6sischen Festung am Anfang, wo die Belagerer der Burg kn\u00f6cheltief im Morast stecken, oder auch, als Marion in ein Schlammloch watet, um einen darin feststeckendes Schaf zu befreien und dann selbst von Robin gerettet werden muss. In diesem Zusammenhang ist auch Marians Aufforderung an Robin in <em>Prince of Thieves<\/em>, er m\u00f6ge doch ein Bad nehmen, als Verweis auf die aus heutiger Sicht mangelnde K\u00f6rperhygiene, die mit dem Mittelalter in Verbindung gebracht wird, zu lesen.<\/p>\n<p><strong>Analyse filmischer Mittel<br \/>\n<\/strong>Ein wichtiges filmisches Mittel ist der Einsatz von Licht. Der Film ist dominiert von einer D\u00fcsterkeit, die in fr\u00fcheren Robin Hood-Filmen, wie oben erw\u00e4hnt, g\u00e4nzlich fehlt oder zumindest nicht \u00dcberhand nimmt. Selbst in Szenen im Tageslicht oder in gut ausgeleuchteten R\u00e4umen herrscht eine Dunkelheit (oft erreicht durch sogenanntes low-key lighting) vor, die nur in seltenen Momenten von wirklichem Licht durchbrochen wird (zum Beispiel, als der Sheriff gegen Ende des Films verk\u00fcndet, dass alle, die Robin unterst\u00fctzen, outlaws seien). Sogar das Gr\u00fcn der W\u00e4lder wurde in der Nachbearbeitung so abgemildert, dass es matt, stumpf und dunkel wirkt.<br \/>\nSozusagen Scotts Paradedisziplin sind nat\u00fcrlich die Schlachtszenen. Mit \u00e4hnlich epischen Szenen heimsten einige seiner fr\u00fcheren Filme, vor allem <em>Gladiator<\/em> und <em>Kingdom of Heaven<\/em> viel Lob ein, und man wird den Gedanken nicht los, dass er diese Erfolge in Robin Hood mit vielen Kampfszenen rekreiren will. Diese Szenen sind gepr\u00e4gt von schnellen Schnitten und vielen Perspektivenwechseln, die oft korrespondieren mit der Macht der dargestellten Personen: Froschperspektiven signalisieren \u00fcblicherweise St\u00e4rke, Vogelperspektiven dagegen Unterlegenheit. Nicht selten verwendet Scott auch slow motion (zum Beispiel f\u00fcr Robins Pfeile), das schon nahe an Zeitlupe ist.<br \/>\nNebst den ausf\u00fchrlichen Schlacht- und Kampfszenen dominieren in Scotts Robin Hood vor allem Dialoge. Die zahlreichen Dialoge werden, ganz im Stil des klassischen Hollywood-continuity editing, meistens im Schuss-Gegenschuss-Verfahren abgefasst. Im Bereich der Montagen pr\u00e4gt die rhythmische Montage den Film, also das Zusammensetzen der einzelnen Einstellungen aufgrund des &#8222;Tempos&#8220; der Handlung. Traum-hafte \u00dcberblendungen sind eher selten und sind h\u00f6chstens pointiert eingesetzt als eine Art Parallelmontage f\u00fcr die Darstellung verschiedener Ereignisse an mehreren Orten, etwa in der Mitte des Films.<br \/>\nWas die Formalspannung in Kortes Sinn (Helmut Korte: Einf\u00fchrung in die systematische Filmanalyse. Berlin 2010) angeht, kann gesagt werden, dass die Schnittfolge meistens mit der effektiv empfundenen Spannung \u00fcbereinstimmt. Den Zuschauer nicht nur mit dem inhaltlich \u00fcberladenen und von den bisherigen Filmen abweichenden Plot, sondern auch noch cinematographisch zu verwirren, w\u00e4re wohl zuviel des Guten gewesen. So gibt es wenigstens eine Konstante: schnelle und viele Schnitte korrespondieren in der Regel in Scotts Robin Hood mit &#8222;spannenden&#8220; Sequenzen.<\/p>\n<p>Die episch angelegten und dicht geschnittenen Kampfszenen und die gem\u00e4chlichen, klassisch geschnittenen Dialoge sind die beiden wichtigsten filmischen Mittel. Kritiker sind sich einig &#8211; und wir schliessen uns dieser Meinung an &#8211; dass Scotts Robin Hood cinematographisch eher uninteressant ist. Scott konzentrierte sich vermutlich darauf, den Plot m\u00f6glichst kompliziert und vielschichtig zu gestalten (mit dem Ziel, die andere Seite der Robin Hood-Legende zu zeigen), so dass seine Kernkompetenz des editing im Vergleich zu fr\u00fcheren Filmen unterging.<\/p>\n<p><strong>Selbstreflexion<br \/>\n<\/strong>Im Presseheft zum Film wird betont, dass es in Scotts Film nicht darum geht, eine weitere Version der Legende zu erz\u00e4hlen, sondern dass er ein Bild entwerfen will, wie die Ereignisse, welche die Grundlage f\u00fcr die Legende geboten haben, h\u00e4tten aussehen k\u00f6nnen- &#8222;the untold story behind the legend&#8220;, so der offizielle Untertitel des Films. Auch wird kritisiert, dass Robin Hood in allen bisherigen Filmen immer relativ stereotyp dargestellt wurde und dass in seiner Figur keine Entwicklung zu erkennen sei. Gerade wenn wir an Lesters Version eines alternden, kriegsm\u00fcden Robin denken, der nach 20 Jahren Kreuzzug nach England zur\u00fcck kehrt und diese mit Flynns jugendlichen und abenteuerlustigen Robin vergleichen, sind zwei unterschiedlichere Interpretationen wohl kaum vorstellbar. Einmal abgesehen von der Geschichte mit der Magna Charta, haben wir ja darlegen k\u00f6nnen, dass Scotts Version nicht nur weit davon entfernt ist, eine neue Robin Hood Geschichte zu erfinden, sondern dass sie im Gegenteil gerade besonders viele Elemente aus Lesters Film zitiert. Folgerichtig kann ein Film \u00fcber eine legendenhafte Gestalt wie Robin Hood, die durch zahlreiche literarische und filmische Werke Bestandteil der popul\u00e4ren Imagination ist, nur dann funktionieren, wenn er genug Zeichen und Zitate aufruft, die einen Wiedererkennungseffekt haben. Die Intentionen der Macher wurden also nicht erreicht: Die chaotische und in sich widerspr\u00fcchliche Vorgeschichte des Scripts ist bezeichnend f\u00fcr Scotts Vorhaben der Dekonstruktion, das ohnehin nicht realistisch war. In krassem Gegensatz dazu und als anderes Ende der Skala von Authentizit\u00e4ts-Anspr\u00fcchen ist abschliessend Mel Brooks&#8216; <em>Men In Tights<\/em> zu nennen, der so etwas wie die ehrlichste Form des Mittelalterfilms sein k\u00f6nnte: Es wird anerkannt und thematisiert, dass das Mittelalter nur inszeniert wird.<br \/>\nScott vermag mit seinem Beitrag also nicht, die Figur des Robin Hood zu de-mythologisieren, sondern er stattet Robin Hood lediglich mit einer &#8222;Ursprunglegende&#8220; aus und reiht sich ironischerweise damit gerade in die Reihe der B\u00fccher und Filme ein, die daf\u00fcr sorgen, dass der Mythos lebendig bleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliographie:<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Haydock, Nickolas: Movie Medievalism. The Imaginary Middle Ages. Jefferson, N. C. 2008.<\/li>\n<li>Korte, Helmut: Einf\u00fchrung in die systematische Filmanalyse. Berlin 2010.<\/li>\n<li>Meier, Mischa \/ Simona Slani\u010dka (Hg.): Antike und Mittelalter im Film. K\u00f6ln 2007.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Internet-Quellen:<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Production Notes: <a href=\"http:\/\/ebookbrowse.com\/robin-hood-production-notes-approved-doc-d119943615\">http:\/\/ebookbrowse.com\/robin-hood-production-notes-approved-doc-d119943615<\/a> (Presseheft, aufgerufen 28.07.2011)<\/li>\n<li>Robin Hood (aka Nottingham): <a href=\"http:\/\/www.mypdfscripts.com\/screenplays\/robin-hood\">http:\/\/www.mypdfscripts.com\/screenplays\/robin-hood<\/a> (Download des Originalscripts von Ethan Reiff und Cyrus Voris, aufgerufen 28.07.2011)<\/li>\n<li>Rotten Tomatoes: <a href=\"http:\/\/www.rottentomatoes.com\/\">http:\/\/www.rottentomatoes.com\/<\/a> (Filmkritiken)<\/li>\n<li>The Internet Movie Database (IMDb): <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/\">http:\/\/www.imdb.com\/<\/a> (Filmdetails)<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Filmanalyse zusammen mit Isabelle Dubach) Beim Publikum wie auch den Kritikern war die Rezeption des Filmes durchwachsen. 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