Notre Dame de Paris

Spenden als Ausdruck und Spiegel gesellschaftlicher Ungerechtigkeit

Am Abend des 15. April brach im hölzernen Dachstuhl der berühmtesten und einer der ältesten gotischen Kathedralen Frankreichs ein Feuer aus und verbreitete sich in der Folge rasend schnell. Trotz dem zeitnahen Einschreiten der Feuerwehr brannte das Dach komplett nieder und auch der von Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert wieder errichtete Vierungsturm wurde ein Raub der Flammen. Dank dem beherzten Einsatz der Pariser Feuerwehr konnte eine Vielzahl von bedeutenden Kunstschätzen und Reliquien (unter anderem die mutmassliche Dornenkrone von Jesus) gerettet werden. Obwohl das Gewölbe des Hauptschiffes an mindestens zwei Stellen durchbrochen wurde, scheint es, dass die Grundsubstanz der Kathedrale gerettet werden konnte.

Keiner, der je im Hauptschiff einer gotischen Kathedrale gestanden hat, kann sich dem Gefühl der Erhabenheit erwehren, welches diese Kirchen ausstrahlen. Die filigran anmutende, durchlässige und in die Höhe strebende Bauweise sollte den Gläubigen die Nähe zum Himmel und damit zu Gott vermitteln und auch als Atheist überkommt einen unmittelbar ein Gefühl der Ehrfurcht beim Anblick dieses Ausdrucks an religiöser Hingabe und architektonischer Meisterleistung.

Und obwohl mir all diese Gedanken durch den Kopf gingen und ich mich persönlich betroffen gefühlt habe durch die teilweise Zerstörung eines so bedeutenden Weltkulturerbes, welches bereits mehr als 850 Jahre bewegter Geschichte überdauert hatte, beschäftigt mich etwas anderes noch mehr.
Bereits einen Tag nach der Katastrophe hat Staatspräsident Emmanuel Macron den Wiederaufbau dieses Pariser Wahrzeichens angekündigt. Im Versuch, sich gegenseitig zu übertrumpfen, hatten nur zwei Tage nach der Katastrophe eine Handvoll der reichsten Familien Frankreichs (die Pinaults, die Arnaults, die Bettencourt Meyers) bereits über 600 Mio. für den Wiederaufbau gesprochen, und inzwischen wurde bereits über eine Milliarde gespendet. Sie grossmütigen Spender haben dafür mehrheitlich Zustimmung geerntet. Kommentatoren scheinen sich ob soviel wohlfähriger Spendenbereitschaft in einiger Bewunderung zu ergehen.

Auch wenn ich mit meiner Meinung einsam und darüber hinaus unpopulär dastehe, lösen diese Summen, und was sie bedeuten, bei mir ein Gefühl der tiefsten Bestürzung aus. Wie kann es sein, dass einige wenige Reiche einfach mal so hunderte von Millionen quasi aus der Portokasse zur Verfügung haben, während die Mehrheit der Gesellschaft sich ein einigermassen würdevolles Leben nicht leisten kann? Seit nunmehr Monaten gehen die Gelbwesten allwöchentlich auf die Strasse, um die fundamentale Ungerechtigkeit dieser gesellschaftlichen Ordnung anzuprangern.
Derweil beklagt sich der französische Schauspieler Gerard Depardieu (der nach Russland ausgewandert ist, um in Frankreich keine Steuern bezahlen zu müssen) in einem Interview in Die Welt darüber, dass der Staat unfähig sei, seine Aufgaben wahrzunehmen und für eine fachgerechte Renovierung von Notre Dame zu sorgen; dies folgt auf Spekulationen, dass der Brand aufgrund von Restaurationsarbeiten am Dach ausgebrochen ist. Die Ironie darin, dass sich Reiche ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entziehen und keinen angemessenen Beitrag leisten wollen, entgeht ihm natürlich. Stadt auf einen gerechten Staat wird auf die Spendenbereitschaft einzelner gesetzt, die niemandem Rechenschaft schuldig sind und sich die Projekte, die sie unterstützen wollen, aussuchen können. Einen einzigen Post habe ich gesehen, wo sich die Schreiberin gefragt hat, wie es sein könne, dass einem toten Gemäuer aus Stein soviel mehr Beachtung geschenkt wird als all den Obdachlosen in Paris.
Der holländische Historiker Rutger Bregman hat es Anfang des Jahres am WEF in Davos auf den Punkt gebracht: «Hört endlich auf, über Philanthropie zu reden und fangt an, über Steuern zu reden. … Wir könnten Bono ein weiteres Mal einladen, aber wir müssen über Steuern reden. Darum geht’s. Steuern, Steuern, Steuern. Der ganze Rest ist meiner Meinung nach ein Haufen Mist.»

Rutger Bregman: Steuern statt Spenden

Damit meinte er selbstverständlich nicht die von Macron angedrohte Erhöhung der Treibstoffsteuer, welche die Menschen auf die Strasse getrieben hat, sondern die gerechte Besteuerung von Superreichen und die Verhinderung von Steuerumgehung und Steuerflucht. Das bedeutet eine Aushöhlung des demokratischen Staates, denn nicht mehr die Gemeinschaft und die demokratisch gewählten Vertreter entscheiden, was im Interesse der Gemeinschaft unterstützenswert ist, sondern Individuen mit viel Geld. Das ist keine Demokratie mehr, sondern eine Oligarchie.

Daher wirft für mich die Feuerkatastrophe von Notre Dame und die Reaktion darauf wie ein Schlaglicht auf die fundamentale Ungerechtigkeit einer Gesellschaft, in der einige wenige alles haben und die grosse Mehrheit fast nichts.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.