Die vier Federn

Den pakistanisch-stämmigen Briten Shekhar Kapur hat nun dasselbe Schicksal ereilt, welches schon vielen begabten Regisseuren, die in Hollywood den Durchbruch geschafft haben, zum Verhängnis geworden ist; er wurde das Opfer seines eigenen Erfolges. War sein Hollywood Debüt Elizabeth noch kompromisslos eigenwillig und symbolisch konsequent durchdacht, so lässt sein neuestes Werk diese Eigenschaften missen.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von A. E. W. Mason und spielt um 1884, zur Blütezeit des britischen Empires, welches damals fast ein Viertel der Welt umfasste, so unter anderem auch den Sudan. Es ist die Geschichte des jungen Soldaten Harry Feversham (Heath Ledger), welcher als einer der tapfersten Soldaten seines Regimentes gilt und der kurz vor der Hochzeit mit der schönen Ethne (Kate Hudson) steht. Als ein britischer Kolonialposten in Khartoum von Mahdisten attackiert wird, soll Harrys Regiment nach Nordafrika geschickt werden. Harry, welcher der Armee vor allem auf Drängen seines Vaters beigetreten ist, wird von Zweifeln am Sinn der Mission und von Angst um sein Leben und die gemeinsame Zukunft mit Ethne geplagt. Nach reiflicher Überlegung entschliesst er sich, sein Offizierspatent niederzulegen. Dieser Entscheid erweist sich als verheerend und stösst in seinem Umfeld auf Unverständnis. Seine ehemaligen Freunde und Regimentsgenossen schicken ihm als Zeichen ihrer Verachtung vier weisse Federn, Symbole der Feigheit, seine Verlobte Ethne wendet sich von ihm ab, da sie die gesellschaftliche Achtung fürchtet und sein eigener Vater verleugnet ihn. Fortan führt Harry das Leben eines von der Gesellschaft Geächteten. Als Harry von den zunehmend schweren Verlusten der britischen Truppen im Sudan erfährt, entschliesst er sich, auf eigene Faust nach Afrika zu gehen und seine Freunde zu finden. Unter grossem persönlichen Einsatz rettet er jedem seiner Freunde, von dem er eine Feder bekommen hatte, das Leben und stellt sich seinen Ängsten. Seine Integrität wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, als er von der Verbindung seiner ehemaligen Verlobten Ethne mit seinem besten Freund Jack (Wes Bentley) erfährt.
Bedauerlicherweise klammert Kapur den grössten Teil des kritischen Potenzials, welcher der Stoff mit sich bringt, aus. So hinterfragt Harry wohl die Legitimation der englischen Herrschaft im Sudan, doch werden im weiteren die Briten mit seltenen Ausnahmen als die Guten und die Afrikaner mit Ausnahme von Abou Fatma (Djimon Hounsou) als die Bösen dargestellt. Als zusätzliches Feindbild dient ein französischer! Sklavenhändler, dem dann die “edlen Wilden” (afrikanische Prinzessinnen, die als Sklavinnen verkauft werden sollen) gegenübergestellt werden. Die Hierarchisierung macht auch vor den unterschiedlichen afrikanischen Ethnien nicht halt, was wohl dazu dient, zu belegen, dass diese sich auch gegenseitig unterdrückt haben, und somit den Briten in nichts nachstanden. Obwohl Harry nicht einsieht, warum er im Sudan für sein Vaterland kämpfen (oder überhaupt Krieg führen) soll, so erachtet er es doch als seine Pflicht, seinen Regimentskameraden beizustehen. Das ist an und für sich nicht verwerflich, doch wird hier eine Art Kriegsideologie propagiert, dass man nicht für irgendein hehres Ideal, sondern für den Kameraden neben sich kämpft, was vom eigentlichen (gar nicht hehren) Ziel, der Kolonialisierung und der Ausbeutung der Dritten Welt, ablenkt. So führt das Ende des Films auch wieder zurück ins Herz des britischen Empires, welches die Heldentaten seiner Soldaten zelebriert und die Unterdrückung der kolonialisierten Völker programmatisch ausblendet. Es gibt zwar Ansätze der Völkerverständigung, so zwischen Harry und seinem Beschützer Abou Fatma, doch bleiben dies schablonenhaft und unausgegoren. Harry kehrt zurück und wird von der Gesellschaft, die ihn einst geächtet hatte, wieder aufgenommen; somit wird jene ideologische Sicht konsolidiert, gegen die sich Harry anfangs gestellt hatte.

Originaltitel: The Four Feathers (USA 2002)
Regie: Shekhar Kapur
Darsteller: Heath Ledger, Wes Bentley, Kate Hudson
Dauer: 132 min.

Million Dollar Baby

Ein poetischer Film über die Liebe und darüber, dass die eine Chance im Leben zu ergreifen alles andere aufwiegt.
Eine wunderbar sensible und eindringliche Geschichte des Altmeisters, welche die Abgründe menschlicher Beziehungen aufzeigt; zugleich aber auch ein Plädoyer, Liebe, wo sie einem begegnet, zuzulassen.

Zurecht wurde dieser Film mit Preisen überhäuft; unzweifelhaft ist es Eastwoods bisher beste Regiearbeit in einer Reihe von herausragenden Filmen. Es ist aber nur am Rande ein Film übers Boxen; vielmehr ist es eine Parabel auf den Zustand unserer Gesellschaft, gefüllt mit gescheiterten Existenzen, die einsam und von ihrer Familie entfremdet leben und die nicht einmal mehr im Glauben Halt finden.
Frankie, herausragend gespielt von Clint Eastwood, ist ein leicht chauvinistischer, vom Leben enttäuschter Boxtrainer, der nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch an sich selbst und seine Mitmenschen verloren hat. Er beschäftigt Scrap (herrlich unterkühlt Morgan Freeman) als “Mann für alles” in seinem heruntergekommenen Boxstudio, weil er sich ihm gegenüber verantwortlich fühlt. Maggie (aufwühlend authentisch Hilary Swank) stammt aus ärmsten Verhältnissen aus einer Wohnwagensiedlung im Mittleren Westen und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Kellnern. Inzwischen 32 Jahre alt, sieht im Boxen ihre einzige Chance, aus ihrem Leben etwas zu machen. Frankie nimmt sich Maggie widerwillig an (erstens ist sie zu alt und zweitens trainiert er keine Frauen) und ermöglicht es ihr so, die Chance ihres Lebens zu ergreifen. Bei Maggies erstem Titelkampf vergisst sie allerdings Franks wichtigste Regel “immer sich selbst zu schützen”, und Frankie fühlt sich einmal mehr verantwortlich und wird vor eine schwierige Entscheidung gestellt.
Clint Eastwoods Liebeserklärung an das klassische Erzählkino kommt ganz ohne Spezialeffekte aus, ist charakterisiert von langen, stillen Szenen, dabei geht aber die dramaturgische Spannung nie verloren.
“Million Dollar Baby” ist eine Ode an den Willen und daran, dass man alles erreichen kann, wenn man nur fest genug daran glaubt. Es ist eine Ode an das Leben an daran, dass man seine Chancen ergreift, auch wenn sie mit Risiken verbunden sind. Und es ist eine Ode an die Liebe und daran, dass auch wenn die Liebe mit Schmerzen verbunden ist, es immer noch besser ist, als sich jeglicher Beziehung zu verweigern.

Originaltitel: Million Dollar Baby (USA 2004)
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Hilary Swank, Clint Eastwood, Morgan Freeman
Dauer: 132 min.