In My Country

Das “Ubuntu-Prinzip” oder Vergebung auf Afrikanisch

Ein Film über die Opfer und Täter des Apartheisregimes und über Identitätsfindung im neuen Südafrika.

Berichterstattung von der Wahrheits- und Versöhnungskommission
Als der amerikanische Journalist Langston Whitfield (Samuel L. Jackson) 1995 von seiner Redaktion nach Südafrika geschickt werden soll, um über die Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission TRC) zu berichten, hält er das anfänglich für einen schlechten Witz, da er seiner Meinung nach nicht so weit zu fahren brauche, nur um zu sehen, wie weisse Polizisten ungestraft davonkommen, wenn sie einen Schwarzen töten. Bei den Hearings lernt er die weisse südafrikanische Schriftstellerin Anna Malan (Juliette Binoche) kennen, die für das Radio von den Anhörungen berichtet. Obwohl die beiden sehr gegensätzliche Weltanschauungen vertreten, kommen sie sich trotzdem näher und haben eine kurze Affäre.

Ein erster Schritt in Richtung Versöhnung
Anhand von geschickt miteinander verwobenen Einzelschicksalen versucht der Film aufzuzeigen, was die TRC für die einzelnen Menschen in Südafrika bedeutet. Obwohl von westlicher Seite befürchtet wurde, die TCR könne in einer Art Hexenprozess ausarten, zeigt der Film eindrücklich, wie das Zusammenbringen von Opfern und Tätern einen ersten Schritt in der Verarbeitung der Verbrechen des Apartheitsregimes darstellen kann. Indem es den Opfern ermöglicht, ihre Geschichte zu erzählen und den Tätern Aug in Aug gegenüber zu stehen und die Täter gleichzeitig mit ihren Opfern als Individuen konfrontiert werden, kann ein Heilungsprozess beginnen. Das zentrale Gedanke der TRC ist dabei das afrikanische Ubuntu-Prinzip, eine Philosophie, welche besagt, dass das, was den Einzelnen verletze, alle verletze und somit die Verbindung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft betont.

Auseinandersetzung mit den Gräueltaten des Apartheidregimes
Die Protagonisten im Film reagieren sehr unterschiedlich auf die Hearings; Langston Whitfield sieht sich in seinem amerikanischen Gerechtigkeitsempfinden verletzt, welches für solche Taten Rache statt Versöhnung verlangt. Anna Malan hat bei einer besonders gräulichen Geschichte einen nervösen Zusammenbruch und fängt hysterisch an zu lachen. Den Rechtfertigungsversuchen der Täter zuhören zu müssen bewirkt bei ihr auch eine tiefe Krise ihrer Identität als Afrikaanerin; dass  Afrikaans, die für sie stets die Sprache der Liebe und der Schönheit war, benutzt wurde, um solche Gräueltaten zu befehlen und zu beschreiben, erschüttert sie aufs Tiefste und führt bei ihr zu einem Gefühl der Entfremdung gegenüber ihrer Muttersprache. Ausserdem sieht sie sich mit Whitfields Vorurteil konfrontiert, dass sie als Weisse gar keine richtige Afrikanerin sein könne.

Authentizität und das Undarstellbare
Boorman gelingt es auf stilistisch zurückhaltende Weise, welche ein Gefühl der Authentizität vermittelt, die Hearings der TRC aus den verschiedensten Perspektiven zu zeigen. Unterstützt wird er von einem hervorragenden Schauspiel-Ensemble, allen voran Juliette Binoche, welche die Gefühle von Schock, Abscheu und Kollektivschuld glaubhaft vermittelt, und Samuel L. Jackson, der uns eine typische amerikanische Sichtweise vorgibt.

So eindrücklich der Film ist, so mag er doch den Eindruck nicht ganz zerstreuen, dass es Taten gibt, die so schrecklich sind, dass es gar keine Ausdrucksform gibt, um sie dazustellen.

Originaltitel: In My Country (GB, 2004)
Regie: John Boorman
Darsteller: Juliette Binoche, Samuel L. Jackson, Brendan Gleeson, Menzi “Ngubs” Ngubane